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«Zweiter Jahrgang.

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Die

Hornisse.

Raum, Ihr Herren, dem Flügelschlag Liner freien Keele!"

Bis 1O1.

Kassel, Sonnabend, den 25. August

1849.

Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart

7.

Friedrich Wilhelm IV. von Preußen.

Preußen soll von nun an in Deutschland aufgehn."

Der König Friedrich Wilhelm IV. ist geboren im Jahre 1795. Er war also bereits in einem Alter von 45 Jahren, als er 1840 seinem Vater Friedrich Wilhelm auf dem Throne folgte.

Man hat Großes von ihm erwartet. Preußen und Deutsch­land hat sich in ihm bitter getäuscht.

Preußen bedurfte eines großen Mannes, um durch Oktroyirung auf die Stufe gehoben zu werden, die be­reits von den kleinen deutschen Staaten war erklommen wor­den ; eS bedurfte eines großen Mannes, wenn eS mit einem Sprung jene Vorschule konstitutioneller Bildung überspringen sollte, die Kleindeutschland vor ihm voraus hatte, und deren Erfahrungen ihm fehlten. Preußen war noch nicht durchzuckt von den gewaltigen Ideen, auS denen Revolutionen erwach­sen , die auf den Trümmern z^schmetterter StaatSformcn spie­lend und über Nacht ein neues Gebäude konstruiren.

Preußen bedurfte dieses Mannes um so mehr, als seine Provinzen noch nicht gelernt hatten, in ihren widerstrebenden Interessen ein- und dasselbe Ziel zu verfolgen, und Friedrich Wilhelm III. durch seinen Streit mit der katholischen Kirche in Betreff der gemischten Ehen und durch die Gefangensetzung deS ErzbischoffS von Köln, Droste von Vi sch ering, die ka­tholischen Provinzen, namentlich Schlesien und Rhcinpreußen, dem preußischen Gesammtstaate gänzlich entfremdet hatte. Aber auch in die reformirten Provinzen war ein tiefer Riß durch die Stiftung der unirten Kirche gebracht worden. Der trockene hausbackene Geist deö verstorbenen Königs, dem die Form die Hauptsache und der Inhalt gleichgültig war, wollte alle wider­strebenden Glaubenssätze, wollte alle Sekten und namentlich die Reformirten und Lutheraner unter einen großen Hut des Ju- differentiSmus bringen. Er stiftete deßhalb bei Gelegenheit der Secularfeier der Reformation durch eine Kabinetöordre vom Jahr 1817 eine neue llniverfal-Religion.

Die Potsdamer Garnison war durch einen Tagesbefehl, der Hof durch das königliche Beispiel leicht zur Bekehrung zu bringen, aber nicht so das Land. Als Schema für die neue Staatskirche wurde eine neue Kirchendienstordnung (Agende) angefertigt, die man nachher den sämmtlichen pro­testantischen Gemeinden aufzwingen wollte, mochten sie zur Union gehören oder nicht.

Gegen diejenigen, namentlich gegen die Lutheraner, welche diese Agende nicht annahmen, wurde mit der größten Strenge verfahren. Kurz es, geschah alles Mögliche, um daS preußi­sche Volk zu zersplittern, gerade durch diese gewaltsamen Ver­suche, äußerlich dasselbe in ein- und dieselbe kirchliche und staat­liche Uniform zu stecken.

Es gehörte ein gewaltiger, ein genialer Geist dazu, die zerfallenden Theile dieses künstlichen Staatsgebäudes durch große Jnstitutionen, und nicht blos durch die Gewalt der Bajonette zu einem organischen Ganze» zu vereinigen.

Aber ebenso wie die preußischen Provinzen eines solchen großen Geistes bedurften, ebenso sehnsüchtig blickte das zerrissene Deutschland nach dem Helden aus, der seine tansendfachen Ketten zerreißen, seine hundert Grenzmarken um- stürzen und seinen Namen groß und geachtet machen sollte vor den Nationen Europas, die mit Verachtung auf daâ Land der Künste und Wissenschaften, auf daS Land des thatenlosen Ge­dankens herabsahen.

So erklärt sich die stürmische Bewunderung, in der ganz Deutschland emporflammte, als im Jahr 1840 der neue König von Preußen mit großen, erhabenen Worten vor die deutsche Nation trat. Die Sehnsucht nach dem deut­schen Helden, nach dem Retter, nach dem neuen Barbarossa, von dem sie so lange geträumt, schien erfüllt. Ein neuer Tag schien über Preußen, über Deutschland emporzusteigen. Sprach nicht dieser Monarch in begeisterten Worten von der Freiheit und von dem ersehnten Ruhme, sie seinem Volke gewähren zu können? Schwor er nicht laut vor allem Volke, sein Wort zu lösen im Namen GotteS und seiner goldnen Königs­krone? Verhieß er nicht, für des Vaterlandes Größe daS Schwert zu ziehen, als jener französische Spiegelfechter, Thiers, feinen WorteroberungSfeldzug gegen das linke Rhein- ufer unternahm, und das große Deutschland fast ein ganzes Jahr lang das Bänkelsängerlied deS bebecherten und bekrönten Straßenpoeten Becker ableierte:

Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Ob sie wie gierige Raben Sich heiser danach schrei»!

O schöne Zeit des ersten Traums von Vaterlandsliebe, von Ruhm, Größe und Freiheit! Wie bald, zu ihrem Heile, sollte die Nation bitter darüber enttäuscht werden, daß sie abermals von einem Fürsten die so lange, so schmerzlich ersehnte Erlösung aus dem Fluche der Knechtschaft hatte hof­fen können!

Friedrich Wilhelm IV. war allerdings ein anderer Mann, als sein verstandeödürrer, soldatisch-formeller Vater. Er war