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Garibaldi's Zug ist beendigt. Mitten durch die öster­reichischen Banden ging sein kühner abenteuerlicher Marsch nach der Ostküste Italiens, in die Nähe Venedigs. Nur 2000 Mann waren ihm bis dahin gefolgt. Sie ließen nicht von dem ge­feierten, angebeteten Führer, als er ihnen zurief: die Sache Italiens ist verloren, verlaßt mich und rettet euch!" Von den Höhen der Avenninen, an der Grenze Toskana's, zogen sie mit ihm durch die Schaaren der Feinde über Sant Romarino, wo siebrandschatzten" (wie die Standrechtsblätter die Beitreibung von Lebensmitteln nennen, wenn es nicht von einem Radetzky oder Haynau, sondern von den Soldaten der Freiheit geschieht), drangen sie mit ihm bis zu den Ufern der alten Adria.

Am 3. August, Abends, zeigten sich plötzlich den österrei­chischen Blokadeschiffen gegenüber eine Menge Fischerbarken nahe an der Küste Venedigs. Es war Garibaldi mit seinen Getreuen. Die Oesterreicher stellten sofort Jagd auf sie an; die Größe ihrer Fahrzeuge, die geschickten Manövers der Nachen und.die hereinbrechende Nacht verzögerten den Erfolg; endlich, als keine andere Rettung übrig blieb, entschloß sich Garibaldi, die österreichische Brigg zu entern. Eine furchtbare Salve derselben machte eS unmöglich; die meisten Barken mit 162 Mann wurden gefangen, darunter der Engländer ForbeS, der tapfere Oberst von Garibaldis Generalstaab. Garibaldi selbst entkam mit seiner Frau und mit dem römischen VolkS- führcr Ciceroachio anS Ufer.

Ueber den Heldenmuth von Garibaldis Gattin, Leonta, einer geborenen Mexikanerin, erzählen seine Anhänger Wunder. Sie versah oft die Stelle seines Adjutanten in den Treffen, führte zuletzt als Hauptmann eine Legion, mit welcher sie bei einem Rückzug den Feind zerstreute; sie bediente einstmals Stunden lang eine Kanone im heftigsten Kugelregen, als kein Soldat diesen Posten einnehmen wollte. So beschämt der Heldenwuth und die Freiheitsliebe edler Frauen vielfältig in neuerer Zeit die Erbärmlichkeit der Männer.

Der Waffenstillstand zwischen Sardinien und Oesterreich ist geschloffen, nachdem Radetzky auf eine Am- nestie der Lombarden eingegangen ist; er hat nur schnell vor­her noch alle Freiheitsmänner einstecken oder wegsagen lassen, deren er habhaft werden konnte. Auf die Kriegsentschädigung von 80 Millionen Lira (über 20 Millionen Thlr. ; 1 Lira 8 Sgr.) will Oesterreich sofort 2 Millionen Pf. Sterling (14 Millionen Thlr.) sich von Rothschild vorschießen lassen. Das Haus Habsburg scheint das Geld sehr nöthig zu haben, und den edlen Amschel Rothschild scheint die Aussicht auf's Prositchcn gegen alle Bedenklichkeiten von Staatsbankerotten u. dgl. und gegen alles Geschrei der englischen Feinde Oester­reichs taub zu machen.

Ungarn. Die Sachen werden doch bedenklich. Heuler vom reinsten Wasser, Standrechtsblätter röthester Färbung, die sonst nur eitel Gebrüll auSstießen, werden in demselben Grad nachdenklich über die Folgen deö Unglückskriegs in Un­garn, wo jeder Sieg zur Niederlage, jebe Niederlage zum Sieg wird, in welchem die Husaren näher und näher an der Grenze plänkeln. Jetzt hört man plötzlich von der Noth­wendigkeit des Friedens, ja selbst deö Föderativstaats und der Selbständigkeit der Nationalitäten. Dafür stehen auch die Vorposten der Ungarn vor Preßburg und bei Oedenburg an der Grenze, dafür werden die Gerüchte von einer furcht­baren Niederlage der Bastardhyäne bei Szegedin immer lauter und lauter und die Nachrichten über die Unfähigkeit der russischen Generale und der Siege Görgeys immer wahr­scheinlicher.

Wien ist in solcher Spannung, daß schon bei der Fort­dauer der Ungewißheit der Sachlage eine Explosion schlum­mernder revolutionärer Kräfte auSbrechen kann. Man be- tenfe nur, daß Böhmen, Mähren und Steyermark fast von

den letzten Resten von Truppen entblößt werden mußte, um nur 20,000 Mann Rekruten nach Preßburg schaffen zu können, ein Heer, das große Neigung verräth, beim ersten Kanonen­schuß der Magyaren in die liebe Heimath zurückzueilen.

Die unermeßlichen Fehler der österreichischen Blutsauger Haynau und Konsorten werden jetzt klar. Mit ihrer ganzen Macht folgten sie den schlau zurückweichenden Magyaren und ließen die furchtbare Festung von Komorn und die Guerillas­banden AulichS in ihrem Rücken, und nur einige 1000 Mann zu ihrer Bekämpfung. So ist ganz Nordungarn von Neuem in den Händen der Magyaren, während Haynau an der untern Theiß den Feind sucht, immer tiefer in die Oeden geräth und immer größern Mangel leidet, da alle Zufuhr von den Ma­gyaren abgeschnitten wird.

Schon tritt die gefährliche Theiß aus ihren Ufern, und mit dem Ablauf des August werden die Donau und die Theiß mit ihren Nebenflüssen Hernath, Samosch, Körösch und Maro sch die Bastardhyäne mit ihren Wassern ersäufen, wenn sie bis dahin noch nicht geblieben ist.

Den Landsturm, die Guerillas, Komorn und Görgey im Rücken, vor sich Bem und Dembinski, in der Mitte Hunger, Elend, Verzweiflung und ringsum Oede, Sümpfe, Nebel: eS wird eine furchtbare Katastrophe werden! Den Czaar von Rußland kann der Schlag rühren über den Spaß, und den ganzen Kaiserstaat Oesterreich ebenfalls. Einige andere Staaten werden sich beeilen, diesem Schicksal nachzufolgen.

England. Die mütterliche Viktoria und der Koburger Albert, der Vater ihrer Kinder, reisen in grün Erin umher, auf der Smaragdinsel Irland, wo der Hunger aus hohlen Todesaugen stiert und das gränzenlose Elend aus tausend klaffenden Wunden sein heißes Herzblut vergießt.

Mit stumpfem Schweigen empfängt sie das Volk, in feinem Herzen den alteu namenlosen Schmerz seines Unglücks, ver­lassen von seinem alten Helden O'Connel, beraubt seines Lieblings O'Brien, den sie schon längst in die Verbannung stießen, weil er gegen Ihre Majestät von England Fehde mit dem Schwert erhoben. Aber:

Ob Armuth euer Looö auch sei,

Hebt hoch die Stirn, trotz alledem!

Geht kühn den feigen Knecht vorbei;

Wagt'S, arm zu sein trotz alledem!

Trotz alledem und alledem,

Trotz niederm Pack und alledem!

Der Rang ist das Gepräge nur,

Der Mann das Gold, trotz alledem!

Und sitzt ihr auch beim kargen Mahl

In Zwilch und Lein und alledem,

Gönnt Schurken Sammt und Goldpokal Ein Mann ist Mann trotz alledem!

Trotz alledem und alledem, Trotz Prunk und Pracht und alledem!

Der brave Mann, wie dürftig auch,

Ist König doch, trotz alledem.

So sprach aus dem Herzen der Armuth der englische Volködichter Robert Burns. Und eS ist sicher, nirgends ist der Proletarier so von diesem Manneöstolze erfüllt undvon dieser rührenden Geduld", wie eS kürzlich in der Thronrede Ihrer mütterlichen" Majestät bei Schließung des Parlaments hieß, als auf dem Inselstaats der Millionäre und deS Hungertodes, als namentlich in Irland, dem Lande der Hungerpest. _

Das Volk empfing die Königin mit Schweigen. Nur der süße Pöbel" deS Adels, der Reichen und der Altengländer schrie sein Hoch, illuminirte seine Häuser und stürmte zu den LeverS Ihrer Majestät.