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Zweiter Jahrgang.

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Die W s r n i s s e.

Naum, Ihr Derren, dem /lügelfchlag Liner freien Keele!"

M- 98. Kassel, Sonnabend, den 18. August 1849*

Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart.

3.

Preußens Bestimmung.

Suum cuique. Jedem das Keine."

(Inschrift des preußischen schwarzen Adlerordens, gestiftet am 1. Januar 1701 zur Erinnerung an die Annahme der preußischen Königs­krone.)

Preußen »st das Kind der Rebellion gegen Kaiser und Reich. Was der Schwede gewollt, die Stiftung einer pro­testantischen Großmacht im Norden Europas, daS hat Preußen vollbracht.

Preußen ist der eigentliche Vernichter des deutschen Reichs. ES hat daS Ansehn der Kaiserkrone zuerst durch die Annahme deü Königstitels geschwächt, den es für ein Land annahm, daö einer seiner Fürsten während der Reformation den Händen eines geistlichen Ordens entriß, um es zum Erbgut seines Hauses zu machen.

Mit der Königskrone setzte Friedrich T. seinen Thron höher, als die Throne jener kleinen deutschen Landesherren neben dem Stuhle des deutschen Kaisers gestanden hatten, ob­gleich er aus der Hand des Kaisers selbst die königliche Würde annahm. Sein Enkel, der große Friedrich II., sagte des­halb mit Recht:Die Königskrone war eine Lockspeise, welche König Friedrich I. allen seinen Nachfolgern hinwarf, und wo­durch er ihnen zu sagen schien: macht euch dessen würdig; ich habe den Grund zu eurer Größe gelegt, ihr müßt daS Werk vollenden."

Damals hatte Preußen nicht mehr als 2046 Quadratmeilen mit 1^ Million Einwohnern.

Der dunkle Trieb, der den großen Kurfürsten zur Vergrößerung seines Landes angetrieben, der seinen Sohn aus Liebe zu Glanz und Pracht nach dem Königsdiadem greifen ließ, kam zuerst in Friedrich II. zum .klaren Bewußtsein der Bestimmung Preußens.

Der Reformation und ihrer Vernichtung der weltlichen Priestermacht verdankte Preußen den Anfang seiner Größe. Den neuen Ideen vom modernen Staate, der durch sie an die Stelle dynastischer Interessen trat, verdankt deren Ausbildung.

Der Philosoph von SonSsouci führte zuerst die Idee des selbständigen Staates mit dem Degen in der Faust gegen Kaiser und Reich zum Siege. AuS dem kaiserlichen Vasallen wurde durch siebenjährigen Bürgerkrieg der souveräne König von Preußen.

Das war daS erste und einzige Beispiel eines Kampfes gegen Kaiser und Reich von einem deutschen Landesherrn, der sich durch die Eroberungen, die er vom Kaiserhaus und von deutschen Mitständen machte, zur fünften Großmacht Europas erhob.

Aber es war nicht das einzige Beispiel deutscher Sou- veränetätSgelüste. Alle deutschen Landesherren folgten dem Vorgänge Preußens; aus der Territorialhoheit wurde die Souverânetät selbständiger Staaten; die deutsche ReichSver- sassung^ bestand bald nur noch dem Namen nach, so daß der erste toturm von Westen das morsche Gebäude in Trümmer schlug. Oesterreich wurde dadurch auS der deutschen Kaiser­macht ein slavischer Großstaat, mit der Richtung nach Osten. Sein Verderben war vorbereitet.

So furchtbar sollten die Worte Friedrich Wilhelms, des ersten Begründers preußischer Macht, deS großen Kurfürsten, in Erfüllung gehen, die er im heißen Rachedurst gegen Oester­reich auSgerufen, als ihm der deutsche Kaiser die schlesischen Fürstenthümer Liegnitz, Brieg und Wohlau genommen, die Worte:Möchte doch einst einer meiner Nachkom­men diese Ungerechtigkeit rächen!"

So alt ist die Feindschaft zwischen den Häusern Habsburg und Hohenzollern, so alt ihre Nebenbuhlerschaft, so alt ihre gegenseitige Eifersucht auf ihre Vergrößerung.

Friedrich II. gelang eS, in einem mörderischen Kriege die Vergrößerung zu ertrotzen, welche darauf seinem Staate eine Stellung anwieß, die einen fortwährenden Zuwachs an Kräften erheischte, um ihn auf der schwindelnden Höhe zu erhalten, auf welche ihn das Genie und die Tapferkeit eines Mannes geschraubt, dessen Nachfolger keine von beiden Eigenschaften besaßen.

So mußte Preußen, durch daS Geschick auf der Bahn, die cS betreten, unaufhaltsam weiter getrieben, nicht allein der Vernichter deS Reichs werden, sondern auch der Verhinde­rer des Wiederaufbaues desselben. Neben Preußens Größe konnte es keine österreichisch-deutsche Kai­serkrone mehr geben.

Dennoch war Preußen selbst seinerseits zu klein, um gegen Oesterreichs Veto die deutsche Kaiserkrone ergreifen und tragen zu können. So brachte es unter feinem Banner keine Einheit der deutschen Staaten zu Stande. Es fehlte ihm ein Fried­rich II., der seinen Geist in die zu leichte Waagschale sei­ner materiellen Kräfte hätte werfen können.

Dennoch muß eS seiner Bestimmung folgen; es muß nach der Zerstörung des deutschen Reichs eine neue deutsche Ver­fassung schaffen und ein neues Deutschland.

Deutschland selbst hat keine andere Hoffnung auf zu-