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Zweiter Jahrgang.

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Hornisse.

„Raum, Ihr Herren, dem Flügelschlag Liner freien Keele!"

M2 93

Kassel, Dienstag, den 7. August.

L84S

Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart.

2.

Gegenwart unb Vergangenheit.

„ Kennt ihr das Land vom Truge frei, Wo noch daè Wort des Mannes gilt?"

Die Revolution ist vorüber! — Die Versuche der na­tionalen Erhebung sind abermals zertrümmert. Daâ Volk ist abermals auf den eisernen Sitz seiner ewigen Knechtschaft zu­rückgeschleudert, von dem eö jählings im wilden Fiebertaumel emporgesprungen. DaS alte Schwert der Väter ist seiner ohn­mächtigen Hand entsunken, und wiederum liegt sein erschlaffter Arm geschmiedet mit den Ketten seines Unglücks an den Pranger seiner alten Schande. — Bang hebt sich des Schläfers Brust; furchtbare Bilder von Blut und Rache schreiten seinem innern Geiste vorüber. — Unseliger Schläfer! — Die Gespenster deiner Träume, werden sie niemals daâ Zaubernetz durchbre­chen, das die Dämonen der Hölle um deine Seele und um deine Glieder gewoben anâ dem Eisen des Despotismus, ge­feit mit dem Herzblute deiner stolzesten Söhne und mit der Schmach deiner edelsten Töchter? — Unseliger Träumer! — Wird der fressende Geier des Grams, der Verzweiflung, der Schaam und der tödtlichen Schmerzen niemals diese dumpfen Nebel zerreißen, die dein dornenvolles Haupt umdüstern, schwei­gender Märtyrer, und die dein brechendes Herz mit der ster­nenlosen Nacht stumpfer Gefühllosigkeit umhüllten?

Ruhig, mit deinem Schmerz! — Er schläft! — Der ver­giftete Pfeil, den die Hölle in sein edles Herz geschossen, raubte ihm mit der Besinnung das Bewußtsein seiner Pein. Ueber die starren Züge fliegt ein wahnsinniges Lächeln, wenn daâ Klirren seiner Ketten in seine finsteren Träume tönt. — Schlafe, gefolterter Knecht, mit dem Pfeil deines Kncchtsinns in deinem klopfenden Busen!

Wenn der Morgen der Rache kommt, wirst du ihn zurück- scnden in die Brust deiner Henker, deiner Geßler, die jetzt deine Kraft mit ihrem Fußtritt zerbrochen und dein Haupt vor ihrem zürnenden Tyrannenblick in den Staub gebeugt halten. O, wer ihn erlebte, diesen Morgen, wo die Feuersäulen auf den Gebirgen lohen, die aus den zertrümmerten Zwing­burgen aller Lande emporflammen, die sie jetzt von Neuem mit dem Blute der Völker kitten und bessern, die Schlächter vor dem Herrn, die gekrönten Würger von Gottcögnaden.

Sie bauen und bessern! — Es ist keine kleine Ar­beit! Durch Ströme von Blut, durch Leichen auf Leichen müssen sie die altersgrauen Burgen ihrer gottbegnadeten Herr­schaft mit Wall und Graben umringen und umschanze», — mitten unter Moder und Verwesung, im Centrum der Ver­nichtung erhebt sich von Neuem der Zwinger des Despotismus.

Wer am besten mordet, ist König, wer besser, wird Kaiser!! — Welche klägliche Rolle spielen bei diesem Todtentanz der Völker die kleinen Selbstherrscher, die kleinen erblichen De­spoten Italiens und Deutschlands, dieser Raub der Gewaltigen, diese Beute der Großen, die ihr Dasein fristen nur von Mi­nute zu Minute, von Tag zu Tag, die ihr Leben nur durch den Grimm jener blutigen Raubthiere erhalten, die über den zuckenden Gliedern dieser Opfer mit Zähnefletschen und Gebrüll sich am Hinabschlingen gegenseitig verhindern.

Die Geschichte Europa'S ist abermals , mit Ausnahme von Ungarn, auâ einer Volksbewegung zur Geschichte der europäi­schen Diplomatie und der dynastischen Interessen geworden. Höchstens müssen die Erhebungen der Völker den fürstlichen und diplomatischen Raubgelüsten den Vorwand geben, die alte treulose Politik ihrer Vorfahren in neuen, noch treulosem Schurkereien fortzusetzen. Um diese neue Periode fürstlicher Willkür begreifen und würdigen zu können, muß man ebenso in die Vergangenheit zurückgehen, wie diese Althistorischen selbst, dann wird sich zeigen, auf welch' sauberes Recht sie ihre sau­beren Ansprüche stützen.

Seit dem Beginn der Revolution Frankreichs im vorigen Jahrhundert ist die Fortbildung der deutschen Fürstenpolitik wesentlich beschleunigt dadurch, daß durch umfassende Media- tifmtng die einzelnen mächtigen Landesherren sich vergrößerten, und daß die vollkommene Souveränetät derselben (durch den Rheinbund) nach dem Sturz des nominellen Kaiscrthumö er­langt wurde.

Die Einwirkung von Außen hatte daâ Verhältniß der Fürsten unter sich und zum ehemaligen Kaiserhaus geregelt, aber das Verhältniß der einzelnen Fürstenhäuser zum Gesammt- reich der deutschen Nation, daâ nur im Volk und durch das Volk selbst seine Bedeutung hat, war durch den Sturz des Kaiserthrons ganz zerrissen und vernichtet. Die vereinigten Fürsten des Rheinbunds waren französische Vasallen.

Auch der neue Bund war eine rein durch die europäische Diplomatie gebotene Verbindung der deutschen Fürsten, nach­dem daS Volk im gemeinsamen negativen Freiheitsdrang sie wieder zusammengeführt hatte. — DaS Volk verlangte laut und immer lauter eine nationale Verbindung der Stämme, eine organische Einheit der Einzelstaaten, eine Volkspolitik über der Fürstenpolitik. ES versuchte sich selbst mit Gewalt,