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Die Wirrnisse.

Naum, Ihr Herren, dem Flügelschlag Liner freien Keele!"

M- »2.

Kassel. Sonnabend. den 4. August.

1849.

Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart.

1.

Die drei Großthaten Deutschlands und ihr Gude.

Rtiere in servitium.

Sie stürzten hinab in Knechtschaft "

Tacitus.

Deutschlands Vergangenheit vor dem März 1848, die Nationalgeschichte zweier Jahrtausende, die ganze Geschichte eines großen Volkes zählt n«ur drei Großthaten! Und dreimal hat der Verrath der Fürsten den Segen in Fluch, daS Heil in Schmach und das Licht in Finsterniß verwandelt.

Die erste Großthat war die Besiegung der Römer, die während jahrhundertlanger Knechtschaft deutschen Lakaien- seelen den Beweis liefern mußte, daß Deutschland frei sei.

Schon jene erste hochgepriesene Freiheitsthat grauer Vor­zeit ist umgeben mit denselben Schandthaten, mit derselben Schmach, aus der Deutschland niemals genesen konnte, deren Maaß in neuester Zeit wird erfüllen müssen.

Den Kämpfern für die Freiheit der deutschen Erde standen Deutsche im Solde der Römer gegenüber; den Besieger der Römer erschlugen deutsche Schwerter und deutsche Fürsten erndteten vom Feinde den Lohn des Verrathö und vom Volke die Unterwerfung. So alt ist der Zwie­spalt der deutschen Stämme und die meineidige Lerrätherei ihrer Fürsten, so alt ist die Schmach des Vaterlands und der Schmerz edler Seelen, die sie zu brechen suchten.

Zm Lause der Geschichte erhob sich über dem Gewirr der Stämme daS deutsche Kaiserreich. Trotz der Einheit der Na­tion ging die Freiheit des Volkes zu Grunde. In blutigen Bürgerkriegen kämpften die Geschlechter der Mächtigen um Thron und Kaiserkrone; und die Folge des Faustrechts und der Fehden, die Folge kaiserlicher Vergünstigungen an dienst­bereite Dynasten und Ritter, war die Knechtung und die Leibeigenschaft der Masse, die Landeshoheit unzähliger Herren und Fürsten, die gänzliche Zersplitterung des Vaterlands und die Ohnmacht des Oberhaupts des heiligen römischen Reichs deutscher Nation.

Aber durch die Herzen des Volks ging der geheime Schmerz der Erniedrigung, ging die tiefe Sehnsucht nach Vaterland und Erlösung, nach Zertrümmerung jener tausend Sonder­staaten , nach dem Aufgehn in einem großen freien Reiche deutscher Nation; durch die Herzen vom Bodensee bis zur

Küste des Nordmeeres, vom Rhein bis zur Oder ging der Zug nach Gemeinsamkeit, nach der Einheit des Volkes. Aus dieser innerlichen, drängenden Nothwendigkeit entstanden jene großen Städtebündnisse durch alle Gauen Deutschlands. Hinter den Mauern der Städte wohnte die Freiheit, wohnte der Fleiß, wohnten Künste und Wissenschaften, die vor dem Barbarismus der raubenden und fehdenden Herren und Fürsten sich in dieses Asyl geflüchtet. Der Handel verband sie, der Reichthum machte sie mächtig.

Vereint und einzeln zerbrachen die Fürsten diese gefährliche Volksmacht, raubten den aufgehäuften Reichthum und unter­warfen die freien Bürger ihrer landeshoheitlichen Willkür. AuS den freien Städten des Reichs wurden s. g. Landeöstädte, aus den Reichsbürgern fürstliche Landesunterthanen.

Da geschah die zweite deutsche Großthat, die Reformation. Der geflügelte Gedanken und die freie Ueber­zeugung brach sich Bahn durch die beengenden Schranken deS kirchlichen Despotismus, und durch ganz Deutschland schlug wie ein elektrischer Strom daS Gefühl gemeinsamer Ueber- zeugung, gemeinsamen Glaubens und der Haß deS gemein­samen Feindes; der erweckte Geist der Nationalität entfaltete unter dem strahlenden Banner der Religionsfreiheit stolz und mächtig seine jugendlichen Schwingen.

Nicht mehr in die Städte allein, unter das Volk der leibeignen Bauern drang der Sturm der gewaltigen Zeit, aus dem neuerschlossenen Quell der heiligen Schrift schoß der Geist der Erkenntniß und der Freiheit empor.

Abermals am Rhein und in Schwaben erhob sich und wälzte sich durch ganz Deutschland die Verbindung und die Erhebung des Volkes; auS dem ungestümen Drange nach einem freien deutschen Volksreich wurde jener blu­tige Gewittersturm des Bauernkriegs, der Revolution des gemeinen Mannes, der mordend und verheerend die deut­schen Gauen durchtobte.

Die Fürsten waren sofort einig, reformirte und katholische, die Aufständigen niederzuschmettern; und die Vorkämpfer der Religionsfreiheit waren am eifrigsten , die politische Freiheit zu unterdrücken, darunter, wie bekannt, Philipp der Hochher­zige von Hesse» und der Kurfürst von Sachsen. So war denn abermals durch die Despotie der deutschen Fürsten die Hoffnung auf die Freiheit und die Volkseinheit der Na­tion vernichtet.

Aber die Fürsten sollten nicht in Frieden die Früchte die- ser Unterjochung und deS Raubes der Kirchengüter erndten. Nach fast jahrhundertlangen einzelnen Kämpfen und Versöh- nungen, nach endlosem Verhandeln, Concordire» und Trainire» brach endlich der aufgehäufte Brennstoff in den lohenden