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Zweiter Jahrgang.
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Die Mornisse.
„Naum, Ihr Herren, dem Flügelfchlag Einer freien Keele!"
ML 83.
Kassel, Sonnabend, den 1-1. Juli.
1849.
Durch Nacht zum Licht.
Bon einem bösen Dämon gebannt, schlief das deutsche Volk. Während deS Schlafes stahlen ihm die Beamten daS Geld aus den Tasche, stahlen ihm die Fürsten die Freiheit und versteckten ste in eine düstre, spinnwebüberzogene Rumpelkammer, vor welche Metternich ein schweres Schloß legte, und die man den Bundestag nannte. —
Da erschien, von Westen herüberrauschend, am Horizont mit stammenden Augen und fliegendem Lockenhaar der Genius der Menschheit und weckte daS schlafende Volk. Mit blitzendem Schwert zerschmetterte er das Schloß der Met- ternich'schen Rumpelkammer, erlöste die Freiheit aus den fürstlichen Eisenketten und baute ihr einen Thron in der alten Kaiserstadt am Main. — Von der PaulSkirche aus hieb er einen geraden Weg durch daâ dreißigjährige Gestrüpp, durch das üppig wuchernde Unkraut deS Despotismus. — Er zerstörte den VongotteSgnaden-Nimbus, in welchen die Kronenträger sich gehüllt. — Nackt und blos stand der vom Schweiß deS Volks gemästete Absolutismus da vor den Augen der Menge, ein widerlicher, verabscheuungswürdiger Anblick. — Nachdem der Genius der Menschheit daö gethan, flog er zurück in seinen erhabenen Himmelssitz. —
DaS erwachte Volk aber schaarte sich um den Freiheits- th rvn in Frankfurt und rief den dort versammelten Männern zu: „ Geht muthig voran auf dem von unserem Schutzgeist gebahnten Pfade ; wir folgen Euch!"
Die Männer in Frankfurt tagten viele Wochen und viele Monate. — Sie belogen und betrogen daS Volk. Obwohl sie feierlich ausgesprochen: „Alle Gewalt geht vom Volk aus!", entrissen sie die Gewalt dem Volke und überlieferten sie den Händen der darob jubelnden Fürsten, welche begierig nach dem Geschenk der im März verlorenen Macht griffen und sich rüsteten zum Kampf gegen das Volk und dessen heiliges Recht.
Die Männer in Frankfurt gingen nicht voran auf dem Wege der Revolution. Sie trennten sich vom Volke und verschlossen ihr Ohr seiner Stimme. Sie vermeinten, deâ Volks nicht zu bedürfen. — Eine schwarze Kluft des Mißtrauens öffnete sich zwischen ihnen und dem Volk. Otto Dresel.
(Schluß folgt.)
Politische Wochenschau.
Frankreich. Das abscheuliche Diöciplinargesetz für die Nationalversammlung ist natürlich mit großer Majorität durch- gegangen und d,e Reste des Berges sind damit jeder Willkür vn Seiten der Rechten blosgegeben, deren Uebermuth derart
wächst, daß bereits von den Restaurationsplänen der Noyali- ftenpartei offen gesprochen wird. Man kann annehmcn, daß der elende Louis Napoleon, der Held von Straßburg, nicht seinem großen Onkel nachahmt und die Krone auf sein eignes Haupt drückt; — er wird als perfider Verräther der Republik im Dienste der Bourbonen gegen gute Belohnung den einen und untheilbaren Freistaat an Heinrich V. verschachern nnd verfer'lschen, sobald er sieht, daß ihm keine Aussicht übrig bleibt, auf dem Wege des Friedens selbst erblicher Präsident zu werden. Einer großen That ist dieser Harlequin unfähig. Der Art. 47 der Konstitution: „ der Präsident der Republik wird auf 4 Jahre gewählt und ist erst nach einem Zwischenräume von 4 Jahren von Neuem wählbar", gibt ihm keine Hoffnung, sich allmählich, etwa wie Cäsar Augustus in Rom, als lebenslänglichen ersten Beamten deS Staates einzuschmuggeln.
Durch diese reaktionär-royalistischen Kammermajoritätsbe- strebungen und Aussichten brechen dennoch einzelne Blitze der niedergeschmetterten sozialen Bewegung hier und da blendend und schreckend hervor, und zeigen den zitternden Spießbürgern, daß das vom Sturm der Säbelherrschaft zertheilte Gewitter von Neuem und immer wieder seine dunkeln Gewölke ansammelt und sein elektrisches Fluidum strömen läßt.
Victor Hugo, der romantische Dichter, keineswegs ein rother Republikaner, sprach in der Kammer Worte, welche erkennen lassen, daß das Bewußtsein des sozialen Elends auch in die Herzen der weißen Republikaner eingedrungen ist: „Die Gesellschaft hat gesiegt, der Terrorismus ist erstickt, der Sieg ist vollkommen, aber man muß nun das Schweigen der anarchischen Leidenschaften benutzen, um an die Lebensfragen zu gehen, um eine große Stufenleiter sozialer Maßregeln zu schaffen, um an die Stelle deS entwürdigenden Almosen die kräftigende Hülfâleistung zu setzen, um Institute zu gründen, die auf alle Weise dem Unglücklichen aufhelfen, den Arbeiter ermuthigen. Die Niederlage der Demagogie muß ein Sieg des Volks werden. Das Licht dringt ins Volk ein, die Brüderlichkeit keimt in jedem Herzen, und mit ihr ein unaussprechlicher Durst nacy Versöhnung. Kein günstigerer Augenblick, als jetzt, um daS große Werk zu beginnen. Glaubt ihr, daß in dem schlecht verstandenen Wort Sozialismus nichts Wahres liegt? Wäre das nicht, dann hätte der Sozialismus keine Gefahr; nehmt aus ihm heraus, was er Wahres hat, dann nehmt ihr ihm seine Gefahr. Ich gehöre nicht zu denen, welche daS Dulden für ewig halten, ich glaube, man kann daS Elend, diese Krankheit des sozialen Körpers, vernichten; daß muß die Aufgabe der Regierungen und Gesetzgebungen sein, und so lange das Mögliche nicht ge than wird, so lange haben sie ihre Pflicht nicht erfüllt. Wisse.