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Die
Hornisse.
„Kaum, Ahr Herren, dem /lügelschlag Einer freien Keele!"
M-- 74
Kassel, Sonnabend, den 23. Juni.
1849.
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Preußen , der Wiederhersteller der Ordnung.
„Das Schiff mit seinen ungeschickten Leitern, Mit Dir und Deinem unglücksel'gen Thron: Ich seh'è vor Abend an der Klippe scheitern. Noch lebt die Sphinx der Revolution."
H e r w e g h.
„Wiederherstellung derOrdnung" ist die neueste Phrase der erfindungsreichen und doch so armseligen Potsdamer Gaukelpolitik. — Zuerst wurde vor dem königlichen Schlosse jenes berühmte blutige Mißverstandniß erfunden; ihm folgte seine blutige Schwester, die Vereinbarung, und nun wüthet die Wiederherstellung derOrdnung, das jüngste Kind der preußischen Staatslaune, durch die deutschen Gefilde.
Wie die heilige Dreieinigkeit, Gott-Vater, Sohn und heiliger Geist, Drei und doch Eins ist, so sind diese drei hö lli sehen Erfindungen EinS in drei verschiedenen Gestalten, der dreiköpfige Höllenhund, der am AuSgang der Labyrinthe vom Reiche der Nacht die zum Lichte Entfliehenden ermordet.
Der blutige Absolutismus, gepaart mit dem modernen JesuitiSmuö, ist der Vater der dreiköpfigen königlichen Lüg e.
Die erste Lüge bezeichnet den Standpunkt der Tyrannen in dem ersten Abschnitt der deutschen Revolution deö vorigen Jahres. Die alten Phrasen vom geliebten LandeSvater, von der thränenreichen Landesmutter, von ewiger Unterthanentreuc, von einigen wenigen bösen Wühlern und Verführern deS armen, getäuschten Volkes, alle diese Lieblingsworte waren mit dem Herzen eines Fürsten noch so fest verwachsen — waren dem „Juten" König von Preußen eine so heilige liebe Gewohn- £ — d'e^GEöegnadigung und ihre Anerkennung von Setten der Menge war auf dem Thron noch ein so fester laubenssatz, — daß man den erbitterten Zwiespalt, den tiefe«, gähnenden Abgrund zwischen der Despotie und dem
Mandat Blut und die Leichen mit der Brücke e königlichen Mißverständnisses überdecken zu können glaubte. ' 0
Man verlor kein Wort vom Recht auf Seiten des Für
sten. Angst und Todesschreckenhatten sich der Herzen so be- meistert, daß sie nur den unheilbaren Bruch zu verhüllen suchten, um nicht sich und der Welt de» Glauben am Sturz der Tyrannei von Gottes-Gnaden eingestehn zu müssen; um sich selbst am schwindelnden Abgrund, an dem der aufsteigende Morgen sie erblickte, vor der furchtbaren Gefahr zu täuschen.
Doch mit deS Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten, Und daS Unglück schreitet schnell.
Das Unglück schreitet schnell. — Aus Blut wächst Blut; auf Grabern wohnt die Rache.
Der Riß zwischen Krone und Volk wurde tiefer, sichtbarer, gefährlicher, der klaffende Spalt ließ sich nicht verhüllen. Die Gewalt der Demagogen nahm zu; Kammer, Nation und Volk erklärten die Souveränetät des Volkes. Da erkannte der „ hoffnungsreiche " Tyrann,
, . Der wollte seiner Zeit die Fahne tragen,
Er trug nun ihre Schleppe wider Willen.
Mit dem aberwitzigen „Mißverständniß", mit dem Leugnen der Zwietracht hatte er sein vermeintliches Recht nicht gerettet, sondern verloren.
Die Erkenntniß der nackten Wahrheit war die Geburtsstunde einer neuen Lüge, war der Wiederbeginn desselben Blutvergießens, desselben Mordens, desselben VerratheS unter einem andern Titel, aber jetzt bereits unter einem Rechts - titel; — die Vereinbarung wurde erfunden.
Um ein Mißverständniß waren Ströme BluteS „Meines geliebten Volks" geflossen — warum sollten um ein Recht, um die Souveränetät der Krone Leben und Herzen geschont sein.
Die Vereinbarung bezeichnet den zweiten Standpunkt der Revolution von 1848.
DeS Dichters prophetische Worte erfüllten sich vollends:
Zu scheu, der neuen Zeit in'S Aug' zu sehn,
Zu beifallslüstern, um sie zu verachten,
Zu Hochgeboren, um sie zu verstehn °), wurde mit königlicher Heuchelei die unvergessene Gottbcgna- digung unter dem Protens der Vereinbarung versteckt,
*) Herwegh'è Gedicht: „Auch dies gehört dem König".