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Die Stellung Kurheffens zwischen Nord- und Süddeutschland.
III.
^„Wir stehn und fallen mit dem Ministerium!"
„Lerne Dich selbst kennen!"
Philipp der Hochherzige war ohnstreitig der größte Fürst Hessens, und gerade dieser größte Fürst hat unS den dümmsten Streich gespielt, der nur denkbar ist. Daraus kann man schließen, wie sich die andern um unS verdient gemacht haben.
Philipp hat das Stammland der Hessen, und damit den Stamm selbst, nach den persönlichen Interessen seiner Söhne Liebden zerrissen und entkräftet. DaS geschah Angesichts des herannahenden Religionssturms, Angesichts der Nothwendigkeit, eine kompakte Ländermasse für die Zwecke der Reformation zusammenzuhalten, Angesichts der gegebenen Möglichkeit, in Mitteldeutschland einen mitteldeutschen Hauptstaat gründen und halten zu können.
Die Volksstämme der Sachsen und Hessen waren berufen, die Hauptleiter der neuen Zeit in Deutschland zu werden.
Ihre Fürsten haben ihnen die Erfüllung dieses Berufs unmöglich gemacht. Die erste protestantische Fürstenfamilie Deutschlands , daS Kurhauâ Sachsen, verließ seinen Glauben um den Flitter der polnischen Königskrone. Dafür ist eö durch den Verlust seiner blühendsten Provinzen und durch frühe De- müthigungen gestraft worden.
Die Fürsten von Hessen verriethen ihren Volksstamm durch die Theilung von Land und Leuten nach ihren persönlich egoistischen Erbansprüchen und Duodezregentschaftsgelüsten.
Die Folge davon war der ewige Widerstreit zwischen den verwandten Fürstenhäusern eines und desselben deutschen VolkS- stamms. So haben wir an uns selbst im Kleinen das Beispiel, wie fürstliche Willkür und fürstliche Interessen einen zusammengehörigen Volksstamm entzweit, zersplittert und ge- schwächt haben, ein Beispiel, daS sich in der Geschichte deS ganzen deutschen Vaterlands und in der Weltgeschichte in furchtbarer Größe wiederholt.
Preußen hat Sachsen vernichtet und ist im Begriff, ihm den letzten Gnadenstoß zu geben; Preußen wird auch Kurhessen vernichten.
Diese Vernichtung aber wird einen ganz eigenthümlichen Gang nehmen. Preußen wird wo möglich Kurhessen sich selbst überlassen, eS wird die verschiedenen Theile Kurhessens zuvor auseinander fallen lassen, ehe die blutigen Fänge seines räuberischen AdlerS die einzelnen Bestandtheile fassen.
Ob eS ihm mit allen Theilen gelingen wird, das hängt von der Macht und Gewalt der süddeutschen Bewegung ab, das hängt ab von den Gewittern, welche von Ost und West heranziehen, um wie immer über Deutschland ihre finstern Gewölle Zusammenstößen zu lassen und die Geschicke Europas, die Geschicke der Welt auf den deutschen Fluren zu entscheiden.
So viel ist sicher. Die Erfüllung dieses Schicksals ist im Anzug.
Zwar jedoch in den Vorpostengefechten wird sich das Schicksal Kurhessenâ erfüllen, wenn nicht die Vorhut süddeutscher Bewegung von dem Satrapen Rußlands, dem Berliner Ober- knäs, niedergeschmettert wird.
Die Badenser, die Pfälzer werden und müssen schleunigst aus ihren Gränzen nach Norden und Osten vordringen. Die Volksstämme warten auf ihren Heranzug , der Odenwald steht gerüstet, Hanau ist bereit, sie zu empfange», Rheinpreußen und Rheinhessen jauchzt ihnen entgegen; — Franken und der Schwarzwald harren sehnsüchtig nur auf den Augenblick, den freien Bruderstämmen die Hand zum unauflöslichen deutschen Völkerbünde reichen zu können.
Aber diese Bewegung wird Halt machen am Bette deS Rheins, am Fuße der Thüringer Wälder und in den Schluchten deS Erzgebirges; und wenn auch die Flamme hinüberschlägt in das Land der alten Hussiten und in das Herz Oesterreichs, in die rachedurstende, jugendlich erregbare Nation — so wird im ganzen Norden daS stahlgepanzerte Preußen seine ohnmächtigen, erschöpften Städte mit seinen kühlen, überlegenden Bewohnern in eherne Banden geschlagen halten — und diese Ketten werden zugleich daS alte Sachsen, die nördlichen Fürstenthümer und den nördlichen TheilKurhessens umschlingen und bannen.
Mehr wie einmal ist Niederhessen, ist die Hauptstadt Kassel durch Zugvögel deS Sturms an dieses Schicksal gemahnt, vor demselben gewarnt worden. — Schon die Deputationen im März vorigen Jahres auS Hanau sprachen eö aus, Hanau achte sich nicht für unauflöslich mit der Provinz Niederhesse» verbunden, es könne, eö wolle sich trennen, wenn sich Niederhessen, wenn sich Kassel nicht von Hanau für die Bewegung Süddeutschlands gewinnen lasse.
Damals gab man nach. Man gab sich der süddeutschen Begeisterung hin, man neigte sich vom Norde» ab, und folgte den drängenden Schritten der Provinzen, ja man rettete sich dadurch, daß man einen Mann der süddeutschen, der Hanauer Bewegung an die Spitze des Kurstaates stellte, einen Revolutionär, ein Mitglied des Hanauer Vollziehungsausschusses, der eine Art von provisorischer Regierung schon damals darstellte. Es war der Minister Eberhardt.
Dieser Minister erhielt die schwere Aufgabe, ganz Kurhessen in die süddeutsche Bewegung einzuführen, und es darin zu erhalten. Aber der Parquetboden deS Ministerialgebäudes in Kassel und im fürstlichen Schlosse daselbst ist ein eigener Boden, die Luft in Kassel ist eine kühle, herzerkältende Luft.
Mitten unter diesem Heer nüchterner, interessenvoller, unterwürfiger StaatSdiener, mitten unter dieser Menge von kleinresidenzstädtischen Spießbürgern, diesen Fanatikern der Mäßigung und Halbheit,
„unter Larven die einzig fühlende Brust", allein mitten unter dieser Gesellschaft könnte selbst ein glühendes Herz erkalten, ein starker Geist allmählich erschlaffen.
Die Richtung nach Süddeutschland ging nach und nach wieder verloren. Man enthusiaSmirte sich für die preußische Kaiserkrone, man hörte und sah nicht, welche neuen Stürme in Süddeutschland heranzogen, bis dann plötzlich die ganze Frankfurter Reichs-Farce, die ganzen Vermittelungen der zitternden Centren, die ganze Nationalversammlung, das ganze Verfassungswerk zusammenstürzte.
Vergebens erschienen nochmals die Deputationen des Südens. Das Ministerium blieb in seiner mattherzigen Apathie. Die Stadt Kassel gab einen neuen Beweis ihrer Sondergesinnung gegenüber den Provinzen und anderen Städten. Die Offiziere der Bürgergarde waren so unerhört taktlos, im Namen ihrer Kompagnien, deren Gefinnungsvertretung sie ohne Weiteres usurpirten, den Provinzen entgegenzutreten mit der Erklärung, daß sie mit den halben Versprechungen deö Ministeriums über und über zufrieden seien, während ihr eigener Magistrat und die Magistrate und Deputirten von so und so viel Städten das Gegentheil erklärten.
Diese täppische Taktlosigkeit einzelner Kasselaner, dieses Nichtwissen und Nichtverstehen, dieses blindhessische Hineinplumpen in irgend eine höchst voreilige und nachtheilige Loyalitätshandlung hat Kassel schon manchen Schaden gebracht im Urtheil, in der Anhänglichkeit der Provinzen.
Die Ofsiziere der Bürgergarde haben ihrer Vaterstadt und dem Wohle KurhessenS eine neue Ohrfeige versetzt, die bittere Früchte tragen wird.
DaS Mininisterium ist durch sie in seiner Thatlosigkeit bestärkt worden, sie selbst haben den Provinzen den Fehdehandschuh hingeworfen.