reich unter seinen Königen schon im 16. Jahrhundert, waS England schon vor 6 Jahrhunderten vollbracht hat, die Entthronung aller dieser großen AdelSfamilien, welche sich in Deutschland aus kleinen Räubern zu großen Vasallen und nachträglich zu großen souveränen Mördern emporgeschwungen haben.
Frankreich und England haben schon früh jenen Moment durchgemacht, auf welchem allein die Größe und Macht dieser Nationen errichtet werden konnte; Frankreich noch gründlicher wie England. Hier blieben die großen Barone die Gesetzgeber und Vormünder der Könige, dort jedoch sanken sie in den Staub vor der despotischen Energie eines Ludwig XL und seiner Thronfolger. Die Revolution hatte nur die leichte Arbeit mit einem einzigen Despoten. Er siel und der Boden war bereits geebnet und vorbereitet, auf welchem die radikale soziale Reform ihre neuen Keime und Wurzeln schlagen konnte.
Aber bei uns eilte der Gedanken der That Jahrhunderte lang voraus. Im Bewußtsein deS ganzen Volkes sind längst alle diese kleinen und großen Tyrannen verurtheilte und abgesetzte Usurpatoren, aber die „rettende" That fehlte, um die Zustände nach der innern Erkenntniß gewaltsam umzugestalten.
Mit starker Hand rütteln die einzelnen Volksstämme an den Ketten und Banden, mit denen man sie geschlossen und getrennt von den Brüdern und Stammesgenossen, aber stets von Neuem und Neuem drängen blutige Dynastien mit Hülfe ihrer geraubten Schätze und ihrer bestochenen Schildknappen, mit Hülfe der Büberei und der hündischen Dummheit die Verbrüderung der Stämme einer großen Nation durch Mord und Brand, Schändung und Verheerung in das alte seichte Bette der lautlosen sclavischen Unterwerfung, der längst gerichteten und moralisch gebrandmarkten speziellen Unterthanentreue und Fürstendienerei.
Bis sich Süddeutschland plötzlich mit aller Energie südlicher Gluth und wilder Leidenschaft auf die Bahn der entschiedenen Revolution geworfen hat gegen jene Großmacht deS Nordens, welche den Namen Deutschlands in den Namen einer königlichen Familie umzuwandeln gesonnen ist. Wenn die süddeutsche Volkskraft den Söldlingen der norddeutschen Fürstevmacht nicht unterliegt , wenn das Banner der deutschen Volksfreiheit wenigstens ,'n diesen Landen den Sieg errungen hat, dann wird für den Augenblick die alte Spaltung zwischen Nord - und Süddeutschland auch äußerlich zu Tage treten, bis der Tyrann im Norden durch seine eigenen Prätorianer von seinem blutbespritzten Throne stürzt und mit ihm sein unbärtiger Mordbruder in Olmütz, und damit die Spaltung zu Ende geht.
Was aber wird bis dahin aus Kurhessen? Will es neutral bleiben in diesem Kampfe, wie damals sein letzter Landgraf zagte und zauderte zwischen dem Zutritt zum Rheinbund, oder der gänzlichen unbedingten Hingebung an Preußen? Diese Politik brachte alö Frucht seinen Untergang.
Dasselbe Resultat wird bei demselben Verhalten nicht ausbleiben. Und daß es nicht auSbleibt, dafür sorgt die Apathie der Provinz Niederhessen und die Kraft-, Nath- und That- losigkeit des Ministeriums Eberhard.
Kurhessen ist noch viel mehr, wie andere deutsche Staaten, ein zufällig durch fürstliche Räubereien und Erbschaften zusammengestoppelteS Land. Seine Hauptstadt liegt am äußersten Ende deS langgestreckten Landes; sie ist nur der Mittelpunkt der alten Provinz Niederhessen, die sich nach Norddeutschland neigt; Hanau und Oberhessen sind dagegen ohne andern wie geschäftlichen Zusammenhang mit dem nördlichen Theil ; all' ihre Sympathien gehen nach Süden. Die katholische Provinz Fulda liebäugelt mit Baiern.
^, Und Angesichts dieser kläglichen Lage zwischen dem Norden und Süden, Angesichts der Zersplitterung deS ganzen Lappenstaates ein Ministerium ohne Energie, und eine Hauptstadt ohne alle moralische Kraft, voll altgewohnter Bücklinge und ZufriedcnheitS - und ErgebenheitSadresse-
Wahrlich, daraus wird der Sturz dieses Ministeriums, der Sieg der Reaktion, die Herrschaft des preußischen Säbels und die Zersplitterung und der Untergang KurheffenS folgen. Es liegt daran freilich sehr wenig. Im Gegentheil, eS ist eine Schranke weniger.
Aber ich dächte doch, es wäre Pflicht einer Regierung, die gerade das Ruder des Staates in der Hand hält, einer solchen Krisis durch die Entwickelung der größten Thatkraft vorzubeugen, und:
Brutus, Du schläfst?
G. Kellner.
Berichte aus der Pfalz.
V.
Kaiserslautern, 19. Mai 1849.
In der Proklamation der provisorischen Regierung vom 18. Mai wird die Pfalz zur Mitwirkung an dem großen Unternehmen der Verwirklichung der Einheit und Freiheit Deutschlands aufgefordert. Die bestehenden Behörden werden in ihren Aemtern bestätigt, und haben ihre Amtshandlungen im Namen des pfälzischen Volkes auszuüben. Alle wegen politischen Vergehen und Verbrechen Verurtheilten sind amnestirt und alle politischen Untersuchungen niedergeschlagen. — DaS mit Baden vorgeschlagene Schutz- und Trutzbündniß lautet wörtlich: „Zwischen dem Landesausschuß von Baden „und der provisorischen Regierung der Rheinpfalz wird fol- „gender Vertrag abgeschlossen: 1) In militärischer Beziehung „bilden Baden und die Rheinpfalz Ein Land. 2) Das badische „ Kriegsministerium wird für's Erste als das gemeinschaftliche „beider Länder betrachtet. 3) Alles Brückengeld auf Brücken, „welche Baden und die Rheinpfalz verbinden, wird sofort „ abgeschafft ; Kosten der Unterhaltung und Wiederherstellung „werden gemeinschaftlich und gleichheitlich getragen. 4) Die „Einwohner beider Länder werden in allen Beziehungen so „angesehen, als gehörten sie einem und demselben Staate an. „Karlsruhe, den 17. Mai 1849. Der Landesauöschuß von „Baden. Genehmigt Kaiserslautern, den 18. Mai 1849. „ Die provisorische Regierung."
Aus der Festung Landau eilen täglich mehr Truppen zu den Fahnen der provisorischen Regierung; selbst die Artillerie, welche bis jetzt dem Volke gegenüber eine unentschiedene Stellung eingenommen hat, beginnt zu dem Volke überzugehen. Ein Theil derselben ist gestern mit Geschützen in Neustadt a. d. H. eingetroffen. Der Kommandant von Landau hat die Thore der Stadt schließen lassen und den Belagerungszustand erklärt. — Die provisorische Regierung hat heute ihren Sitz nach Speier verlegt, eine Maßregel, welche die Verwaltung des ganzen Landes sofort in ihre Hände bringen muß, und welche außerdem den Verkehr und eine vollständige Vereinigung mit Baden sehr erleichtert.
Die Organisation der Freischaaren in Kirchheim - Bolanden, von Zitz und HäuSner aus Mainz geleitet, geht schnell und trefflich von Statten. Die Freischaaren exerziren täglich sieben Stunden. Die Leitung des Exerzitiums haben meist übergegangene baierische Soldaten, sogar einzelne Preußen und Oestcrreicher, die sich in der Stille auS Mainz entfernten, tu die Hand genommen.
Aus dem Waldeckschen.
Wenn die Kurhessen mitten in tiefster Ruhe preußische Einquartierung nach Kassel und Hanau bekommen, so gesehn, ihnen nichts mehr und nichts weniger, alS unS, die wir kurhessische haben.