- 337 -
ist die rothe Republik nicht das Ende der europäischen Republik oder deS europäischen Absolutismus, sondern daS Ende des Weltkriegs, der sich für die eine oder die andere erheben wird.
In diesem Weltkriege wird das Proletariat den günstigen Augenblick zu sindeu wissen.
Berichte aus der Pfalz.
I und II.
Kaiserslautern , 17. Mai 1849.
Die Hingabe des pfälzischen Volkes an die Sache der Freiheit wächst und wird durch die Erhebung Badens mächtig gefördert. Der politische Fortschritt wird hier zu Lande nicht so sehr wie anderwärts durch eine ruhesüchtige vermögende Klasse gehindert. Die begüterten Pfälzer sind es gerade, welche die Bewegung leiten und bisher durch freiwillige, sehr bedeutende Beiträge, sowie durch Uebernahme sehr ausgedehnter EinquartierungSver- pflichtungen dieselbe kräftig gefördert haben. Daß die Bereitwilligkeit zu ansehnlichen Opfern hiermit noch nicht erschöpft ist, beweisen die Beschlüsse, welche die gestern hierselbst versammelt gewesenen Notabeln der Pfalz mit großer Stimmenmehrheit gefaßt haben. Nach denselben sollen von allen Bürgern, die 3 fl. Steuer und mehr zahlen, 25 Prozent der ganzen Lândessteuer binnen 3 Tagen, weitere 25 Prozent aber binnen 8-Tâgen gezahlt werden, wodurch eine Summe von wenigstens 300,000 Gulden für die Landesvertheidigung und den stark anwachsenden Sold der Truppen flüssig wird. Wer übrigens glauben wollte, daß die Bewegung noch eine lokale, rein pfälzische sei, der würde sich täuschen. Der Anschluß des Nachbarstaates Baden, wo der republikanische Geist längst Wurzel gefaßt hat, treibt sie über die Grenzen einer schwächlichen Opposition hinaus und muß den bcvorstenden Kampf zu einem entscheidenden für ganz Deutschland machen. Die Vorkämpfer der Freiheit erkennen diese Stellung der Pfalz. Im Hauptquartier -sammeln sich Sachsen, Rheinpreußen und Polen, um den Streit gegen den Erbfeind der deutschen Freiheit, gegen Preußen und seine Mi- litärtyrannei zu wenden. Namentlich werden die Gemüther entflammt durch die Berichte der hier anwesenden Sachsen, der Bürger Jäkel, Gruner, Kieselhausen und Steinmann über die Greuelseenen in Dresden, deren Augenzeugen sie selbst gewesen sind. In einer großen Volksversammlung, welche gestern hierselbst unter dem Vorsitz Kinkels (auâ Rheinpreußen) gehalten wurde, traten außer Zinn von Kaiserslautern als Redner auf: A. Grün von Leipzig, Steinmann, Kieselhausen, Wolff von Düsseldorf u. Pistor aus Metz. Die Versammlung faßte einstimmig den Beschluß, durch eine Deputation von 12 Bürgern aus der Pfalz den heute hier zusammentretenden Landesvertretern den Wunsch auszuspre- chen, daß sie eine provisorische Regierung ernen. uen und diePfalz für reichsunmittelbar erklären mögen.
Ein Angriff auf die Pfalz von der preußischen Grenze, von Saar und Nahe her, den man Anfangs nach dem Gerücht von Truppenanhäufungen bei Kreuznach voraussetzte, ist vor der Hand nicht mehr zu erwarten, indem dort nur kleine preußische Eorpâ^ vertheilt stehen. Dagegen deuten Truppenbewegungen bei granksurt und Darmstadt auf einen Stoß hin, bet vielleicht fe^r bald auf die Nordgrenze von Baden, namentlich auf Mannheim und so auch auf unsere pfälzische Rheinebene deS linken UferS gerichtet wird. Die ganze Rheinlinie ist übrigens mit Schützen und tbeilweste mit Kanonen besetzt, und den Dampf- schifffahrtüdirekllönen ist eröffnet worden, daß jedes Boot in den Grund geschossen wird, welches Militär führt, das nicht auf die Reichsverfassung vereidigt ist. Die Ostgrenze der Pfalz ist theils durch reguläre Truppen, theils durch Freischaa-
ren (darunter 1800 Sensenmänner) gedeckt, welche von den Asselheimer Pässen bis gegen Landau an den Rücken des Haardtgebirges angelehnt stehen. Sein Hauptqaurtier hat der Obercommandant Fenner nach Neustadt a. d. H. verlegt. Da aber seine Gegenwart in Kaiserslautern nothwendig war, so ist dem Obersten Blenker, Commandanten von Ludwigshafen, daS stellvertretende Commando auch dort übertragen worden. Die Pässe, die aus den Nachbarländern in das pfälzische Gebirgsland hinaufführen, sind alle befestigt und die in ihnen sich hinziehenden Wege für Cavallerie und Artillerie ungangbar gemacht. Die Zuzüge von Soldaten, welche die königl. Fahnen verlassen, nehmen zu; auch auö den Festungen beginnt bereits der Ueberlauf. So sind aus Germersheim und Landau Artilleristen eingetroffen, selbst österreichische Soldaten von jenseits des Rheins.
III.
Kaiserslautern, den 17. Mai, Nachmittags 4 Uhr.
Heute Vormittag 11 Uhr kamen 29 Abgeordnete der Cantone der Pfalz auf Einladung des Landes-Ausschusses zusammen , um fernere Schritte zur Wahrung der Selbständigkeit des Landes zu berathen. Bürger Waltz aus Speier übernahm den Vorsitz. Zuvörderst erstattete Bürger Schmidt im Namen des Landesausschusses Bericht über dessen bisherige Thätigkeit und hebt insbesondere hervor, daß in den nächsten Tagen die zur hinlänglichen Bewaffnung des Volks nothwendigen Gewehre eintreffen werden. Aus seiner Rede geht deutlich hervor, daß der Ausschuß Mann für Mann zu den entschiedensten Schritten entschlossen ist. Er weist nach, daß die sofortige Einsetzung einer provisorischen Regierung unbedingte Rothwendigkeil sei. Entscheidende Beschlüsse seien deshalb sofort nöthig, sonst sei das pfälzische Volk und mit ihm die deutsche Sache verrathen. Hierauf zeigt Bürger Schütz aus Mainz im Auftrage deâ badener Landes an, daß dem dortigen Landes- Auschusse die Regierung übertragen worden sei. Baden biete mit offenem Herzen der Pfalz ein inniges Schutz- und Trutz- bündnlß an; der größte Theil der Bevölkerung daselbst sei, wie die Pfalz, durch und durch republikanisch gesinnt; allein man müsse an ganz Deutschland denken, und desfalls mit der Bewegung bei Anerkennung der Reichsverfassung anhalten. Darin sei das ganze Vaterland einig, daß es jetzt den Kampf des Volkswillens mit der Despotie gelte. Dr. Greiner stellt hierauf im Namen des gesammten Landes-Ausschusses den Antrag, die pfälzische Volksvertretung wolle die Einsetzung einer provisorischen Regierung beschließen. Sowohl von ihm, als von Maurer (Hornbach), Schmidt (Kaiserslautern), Rei n- hardt (aus Speier), Frieö (Frankenthal) und Anderen in kräftiger und mannhafter Rede begründet, veranlaßt der Antrag den Vorsitzenden Waltz zu dem Gegenantrag: den Landes- AuSschuß zwar mit allen erforderlichen Mitteln auszustatten, jedoch die Einsetzung einer provisorischen Regierung vorläusig zu unterlassen und zunächst die Abgeordneten der Pfalz auS München durch Estafette zurückzurufen, was er mit dem leidigen Grunde unterstützt, dieselben könnten andernfalls als Opfer der Volkssache fallen. Bei der Abstimmung erklärten sich 15 Abgeordnete für, 13 gegen die sofortige Einsetzung einer provisorischen Regierung; mehrere motivirten ihre Abstimmung damit, daß sie nicht mit hinlänglicher Vollmacht versehen seien.
Die somit beschlossene provisorische Regierung besteht aus fünf Männern.
IV,
Kaiserslautern, den 18 Mai 1849.
Um 4 Uhr trat die pfälzische Volksvertretung nochmals zu- sammcn, um den großen geschichtlichen Akt, die Wahl einer provisorischen Regierung für die Pfalz, zu begehen. Die 13 Abgeordneten, welche in der Frühsitzung gegen die sofortige