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Zweiter Jahrgang.
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M o r n r s s e.
„Raum, Ihr Herren, dem Ftügcltchlag Einer freien Keele!"
M- 60 Kassel, Dienstag, den 22. Mai. 1849»
G^ Mit dieser Nummer wird der Schluß des stenographischen Berichts über die gehaltenen Sitzungen der versammelten Deputationen ausgegeben.
Die Stellung Kurheffens zwischen Nord- und Süddeutschland.
I.
,/ Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!"
Eine Stadt nach der andern sinkt in Schutt und Asche ein Land nach dem andern beugt sich unter daS bluttriefende Joch des renitenten Kaisers aller Deutschen, an den Gränzen der freien Staaten sammeln sich die todtverbreitenden HeereS- massen, immer enger und enger wird der Kreis, den der gottbegnadete Belagerungszustand unter Mord und Brand um die kleindeutschen Staaten allergnädigst zu oktroyiern ukasirt hat.
„Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." Wohlan, so seien wir ruhig, lassen wir die Stille des Friedhofs, die Grabesstille des einsamen, leichenbesäeten Schlachtfelds im lautlosen Flug über Fluren und Städte dahinschweben. Die Erde trinke daS strömende Blut und die wehenden Lüfte mögen daS Röcheln der Sterbenden von dannen tragen — laßt uns inmitten dieses Schlachtfelds unter Leichen niedersitzen und mit der Ruhe deö Todes die zwölfte Stunde der Nacht erwarten.
Alle andern Wünsche, alle Hoffnungen, alle Sehnsucht werfen wir von uns, lautlos zählen wir den langsamen Gang der Minuten, daS gezückte Schwert zur Rechten, nur den ingrimmigen , ewigen Haß als stillen Gefährten; — wann kommst b“ wilde Stunde der Mitternacht?
^ann kommst du, furchtbare Stunde, wo sich alle, alle dre Gräber öffnen, welche die Henker gegraben, wo alle, alle blutigen Gestalten heraufsteigen mit dem schrecklichen Ruf nach K ^it dem hirnverzehrenden Geschrei der Todesschmerzen und der jammervollen Verzweiflung, alle die heißgeliebten Geitalten, welche unsere Henker an unserer Seite hingewürgt Habens ^ann kommst du endlich, erhabene Stunde der Rache, wo die ermordeten Tapfern erwachen und die blntloien Herzen der Lebenden durch ihr wildes Kampfgeschrei mit todtverachtendem Grimme erfüllen, wo die letzte Gnade, die letzte Barmherzigkeit deS Volkes gegen seine Würger selbst in der Brust deS Säuglings und deö WeibeS der wahnsinnigen Wuth der Vernichtung Platz gemacht hat?
Sprecht mir von keinen andern Gefühlen, sprecht mir nicht von andern Gedanken. Glaubt, hofft, denkt wie ihr wollt, das krampfhaft zusammengepreßte Herz deS Mannes kennt nur einen Wunsch, einen Gedanken, einen einzigen un- endlichen Seufzer, unendlich, wie die langsam schleichende Zeit,
so unendlich in seiner ewigen Wiederkehr, wie der stets neue Verrath und die stündlich neue hündische Gemeinheit der Seelen der Knechte — eS kennt nur noch einen einzigen Seufzer:
Rache!
Aber Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!
Wohlan, wir wollen untersuchen, zu welchen wundervollen Resultaten unS diese herrliche Bürgertugend in Knrhessen bringen kann.
Das Ministerium Eberhqrd hat den Grundsatz aufgestellt: „Eile mit Weile!" und die Mehrzahl der guten, stets mit der herrschenden Regierung gehenden Kasselaner hat diesen Grundsatz als einen erhabenen gepriesen, und 60 Bürgergardeofsi- ziere haben unter großem Geschrei erklärt, daß sie mit dem Prinzip deö Schlendrians stehn und fallen wollten. Es glaubt'ö ein Jeder, auch ohne ihre ausdrückliche Erklärung. Stehn, so lange es geht, fallen, so bald als möglich, daS ist die alte Konsequenz zufolge des Gesetzes der Trägheit.
„Stehn und fallen mit Jemandem", es ist eine höchst naive Phrase, freilich schon etwas abgedroschen.
Es kann keinem Einzelnen verwehrt sein, zu stehen und zu fallen nach Belieben. Höchst komisch aber ist eS, wenn organische Einrichtungen eines StaateS, irgend eine Anstalt, daS Heer oder die Bürgerwehr erklärt, sie wolle ihre Existenz von einem oder zwei Männern abhängig machen, sie wolle für Personen kämpfen statt für Prinzipe, für gute liebe bekannte Freunde statt für die Sache. In diesen Herzen ist die alte politische Kinderwelt noch immer in voller Blüthe mit ihrem Anschmiegcn an jede Zufälligkeit, an die Nase, an die Augen irgend eines Mannes, an daS freundliche Wort, an das zuvorkommende Benehmen irgend einer Person.
Keinen Gedanken haben diese guten EpicierS von der Ewigkeit des StaateS oder einer politischen Richtung, mag nun der Minister Eberhard oder Scheffer heißen. Mit dem Minister Eberhard fallen sie, und unter dem Ministerium Scheffer bleiben sie liegen.
Und in diesem von Vater und Großvater ererbten Treiben lassen sich die Herren Kasselaner durchaus nicht beirren. Mag Marburg unter den Waffen stehn, mag Hanau mit dem Abfall drohen; sie sehen nur ihre Nasenspitze, sie ängfti-