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Beilage zu Nummer 50 der „Hornisse"
Rückblicke auf den Landtag.
III.
Was das Schicksal schickt, ertrage, Wer ausharrt, wird gefrönt.
Herder.
Gerechtigkeit für Freund und Feind. Nach diesem Grundsatz wollen wir jetzt jene Männer schildern, die als neues Ferment die kurh. Ständekammer, die längst abgelebte, mit frischer jugendlicher Kraft durchdrungen haben, von denen die Neuhessische damals sprach, sie wäre begierig darnach, wie diese Männer Gebildeten gegenüber auftreten würden. Unter diesen Gebildeten verstand diese weder eitle noch arrogante Dame einen ihrer Mitredakteure, Oetker, und sonstige ähnliche trockene Juristen und schlechte Christen.
Daß Jemand gebilveter sein könne, wie sie selbst, davon haben diese bescheidenen Seelen keine Ahnung.
Wir beginnen mit dem edlen Führer der Linken, mit dem Marburger Professor Bayrhoffer. Bayrhoffer's Namen ist schon seit mehreren Jahren mit der Opposition in Kurheffen verwebt. Als eine freiere Glaubensrichtung in Gestalt des Neukatholizismus und des Lichtfreundthums Deutschland durchzog, das Zifach schmählich gefesselte Land, dessen ganze Kraft nach Innen auf daS Gebiet der Forschung und des Glaubens zurückgedrängt war, und das von diesem Standpunkt aus zuerst an seinen Ketten zu rütteln begann, daS plötzlich alle Freiheitsliebe, allen Revolutionsdrang auf diese einzig zugängliche Richtung warf, — damals, in den Vortagen unserer Revolution, war Bayrhoffer derjenige, der offen und laut zu diesem ersten freien Schritte aufforderte, und zwar in einer Rede zur Feier des Geburtstags des Kurfürsten in der akademischen Aula zu Marburg.
Alle Welt war erstaunt über diesen Muth eines Professors der Philosophie, Alles verwundert über diesen raschen, plötzlichen Schritt aus den Gebieten der Spekulation, aus dem Hegel'schen System in die Praxis deS öffentlichen Lebens. Seine Herren Kollegen jammerten über dieses Verlassen der reinen Wissenschaft; die Spießbürger hielten ihn für einen Umsattler; sie glaubten, ein Philosoph dürfe mit Religion nichts zu thun haben.
Die Herren begriffen nicht, daß die Konsequenz der Hegelsschen Philosophie, namentlich in der junghegelschen Schule, ihre Jünger zum Leben drängte und zu Thaten, obgleich ein Ruge und Andere mit ihrer in alle Lebensverhältnisse einschneidenden Kritik längst bewiesen, daß die Spekulation begonnen, aus ihren luftigen Höhen auf die Erde herabzusteigen.
Ein Mitredakteur der Hessischen, Hr- Adam Pfaff, begriff das damals sehr wohl. Er war eS, der Bayrhoffer zweimal an demselben Tage als Sprecher der Studenten seine ettvas^v"^ ^ seine Bewunderung darbrachte. Jetzt hat er so
erndtete damals zum Lohn für dieses ent- ^^sbten, für lichtfreundlichc Bestrebungen und für die ruyne Stiftung einer deutschkatholischen Gemeinde in Marburg von den Ministerien Volmar und Scheffer die Suspension und eine Menge Strafedikte. Er blieb sich gleich.
Beginn unserer neuesten Erhebung war wiederum Bayrhoffer berjentge, welcher den ersten Impuls für eine Zentralisation der gesammten deutschen Demokratie gegeben, durch Zu- lammenberufungdeS ersten demokratischen Kongresses in Frankfurt.
Alle Lügen und Gerüchte, die man über sein öffentliches Auftreten schon in jener religiösen Vorperiode der Revolution verbreitete, alle Abneigung, die man bei der Menge gegen
ihn zu erregen wußte, hat sein konsequenter, reiner und edler Geist zu Nichte gemacht. Wo man ihn früher verdammt, wo man ihn verketzert hatte, da ist er jetzt der Liebling, der ge- liebte Führer des Volkes geworden.
Bayrhoffer'S ganzes Wesen ist einfach, einfach wie die Gewalt seiner eisernen Logik. Mit unverrücktem Blick auf das Ziel, auf das reine Prinzip der Demokratie , schreitet er durch die Reihen der Kämpfenden , unbekümmert um das Gekläffe kleinlicher persönlicher Angriffe, unbekümmert um daS juristische Gewürm, das sich in seinen Weg wirst, unbekümmert um das Gezeter der Aengstlichen, das Schimpfen der Zöpfe, um das Gesumse der politischen Eintagsfliegen. Sein Namen wird Epoche machen in der Geschichte Kurhessens und, wie wir hoffen, in der Geschichte Deutschlands.
Die Neuhessische Zeitung bemüht sich mit neidischem Gelüste, diesen reinen überzeugunötreuen Charakter, diesen klaren Kopf, diesen intelligenten, energischen Geist mit einigen jesui- schen Püffen aus dem Felde zu schlagen; sie gibt jedoch ach - selzuckend zu, daß Hr. Bayrhoffer nicht ohne Talent sei. Man bedenke, „nicht ohne Talent"; Hr. Oetker, der Stifter der junghessischen Bildung und Humanität, haben geruht, allergnädigst zuzugeben, daß ein Bayrhoffer nicht ohne Talent ist.
In seinen belletristischen Urtheilssprüchen, von oben herunter , durch die Löcher des durchlöcherten Rechtübodenö, führt Hr. Oetker, dieser schaumburgische Sohn vom Lande, die Beweise für seine ihn selbst zierenden Eigenschaften des lieblichsten Eigendünkels und der erhabensten Geistesarmuth. Nur ein b e lle tr istisir ender Jurist kann so von aller Schlauheit allmählich verlassen werden, daß er fortwährend gegen sich selbst beweist und zeugt.
Bayrhoffer habe nie darüber nachgedacht, meint der politische Pfadsinder Oetker, wie die Regierung eingerichtet werden müsse, „damit die Freiheit nicht durch Willkür und Schlechtigkeit gefährdet werde (Hauptheulersatz!), wie die Verwaltung beschaffen sein muß, damit die Gleichheit nicht ein gleiches Elend (lieber ein etwas ungleiches, wie jetzt), sondern ein (höchst spärlich) verbreiteter Wohlstand sei."
Nein, auf Oetker'sche Weise hat Hr. Bayrhoffer nicht darüber nachgedacht. Und daS ist wahrscheinlich der Grund, weshalb Hr. Bayrhoffer sich um den Oetker'schen Unsinn nicht viel bekümmert, noch bekümmern kann. Das Lorgnettiren durch juristische Advokatenbrillen oder durch die Hoflaterne des Freundes und Pflegevaters, des LegationSraths Dingelstedt, daS Hr. Oetker zur Anschauungsweise der Welt und der Menschen benutzt und immer benutzen mußte, da ihm jede weitere und tiefere Bildung und eine jede frische geistige Ursprünglichkeit ein Greuel ist und sein muß — diese Anschauungsweise ist so dürftig und spassig zu gleicher Zeit, daß nur seine grenzenlose Eitelkeit einen noch komischeren Eindruck machen kann.
Wir überlassen unS der freudigen Hoffnung, daß weder die triviale Juristik, noch der belletristische Dilletantismus des berühmten Kritikers jemals Epoche machen wird, und daß der Name jenes Mannes, den ein kleiner Krittler mit seinem dummen Gemecker zu vernichten sucht, noch im Gedächtniß der Nachwelt sein wird, wenn seines dürren und trivialen Widersachers politische und literarische Wendungen und Windungen längst der Vergessenheit anheimgefallen sind.
So blieb Lessing unsterblich, während man seiner kleinen Gegner, eines Pastor Göze und eines Lange, nur dann erwähnt, wenn man des niedern Gewürms gedenkt, das seinen makellosen Namen zu begeifern und seinen starken Geist mit armseligen, neidischen Sticheleien herabzusetzen versuchte.