Einzelbild herunterladen
 

126

Kirche und Staat

2.

Die evangelische Airche.

Das allgemeine Feldgeschrei der katholischen Christenheit nach einer Umgestaltung an Haupt und Gliedern, wie man sich ausdrückte, und die egoistische Begünstigung einer solchen Verbesserung durch die Fürsten hatte end­lich die Zusammenberufung großer Kirchenversammlungen zur Folge.

Das alt-demokratische Prinzip der christlichen Kirche schien sich von Neuem Bahn brechen zu wollen. Der Papst wurde seines despotischen Regiments entsetzt und die Kirchenversammlungen, aus Laien und Priestern bestehend, für seine Richter erklärt.

Wäre diese Erklärung zur That in voller Konsequenz geworden, wäre im Schooße der römisch-katho­lischen Kirche selbst nach dem Prinzip der Demokratie die Reformation versucht worden, so würde keine kirchliche Revolution eine neue Spaltung in die Kirche geschleudert haben.

Aber das war eine Unmöglichkeit.

Man hatte den Papst zwar für verantwortlich erklärt, allein die Kirchenversammlnngen besaßen keine Macht, ihn zur Verantwortung zu ziehn. ES dauerte nicht lange, so war er wieder eben so absoluter Herrscher, als zuvor. Es ist immer derselbe Kampf.

Die demokratischen Bestrebungen im Herzen der Kirche brachen nun zu lohender Flamme der Kirchenrevo- lution aus.

Luther wollte die Kirche und die Menschheit aus den Händen ihrer geistlichen Despoten und Peiniger retten, er wollte von Neuem der freien Herzensbewegung, der freien Selbstbestimmung im Glauben Raum verschaffen, das innere Leben sollte die starren Formen zerbrechen und neue Formen aus sich heraus gestalten. Darum erklärte er Alle zu Priestern darum erklärte er Alle für geweiht und gottbegnadet.

Auf dem Boden dieser Lehren erwachte ein neuer Pulsschlag der Freiheit. ES war das Panier der freien Ueberzeugung, der freien Forschung zuerst siegreich erhoben worden, zu einem stolzen Siege, dessen Gedanken noch immer die Seelen der Nachkommen mit Bewunderung erfüllt, mit deutschem Stolze auf des Volkes beste Groß­that, mit Muth und Tapferkeit in den Kämpfen des Geistes, in denen die tiefe Seele des Deutschen sich gestählt hat zu eiserner Logik und Gedankenkonsequenz. Ein Vorzug freilich, den wir lange genug mit der Schmach äuße­rer Knechtschaft und politischer Unmündigkeit erkauft haben.

Aber der gestählte Geist wird von Neuem die morschgewordenen Formen der Gesellschaft zertrümmern. In Deutschland allein kann und wird das vollbracht werden. Und wenn ihr fragt, von wannen sie stammt, diese Geistergewalt deutscher Erkenntniß: es ist der alte Heldengeist Luthers!

Spätern Geschlechtern hat er es überlassen, sein Werk zu Ende zu führen.

Er selbst, befangen in der Bildung seines Jahrhunderts, erkämpfte die Freiheit des Glaubens nur, um sie dann von Neuem in Banden und Ketten schlagen zu lassen. Daö Schicksal selbst, die Zustände Deutschlands, trieben dazu.

Um die Kirche und den Glauben aus der Despotie des Papstes und seiner Klerisei retten zu können, mußte er sie der Gewalt der Fürsten unterwerfen, mußte er die Kirche mit dem Staate verbinden. Das demokratische Prinzip ging von Neuem verloren. Die Fürsten, als die neuen Päpste und Bischöffe der evangelischen Kirche, tra­ten sofort in ihrem Interesse einer jeden freieren Bewegung feindlich entgegen; so in Hessen der bekannte Land­graf Moritz, der nach dem Vorgang anderer kleiner Tyrannen die evangelische Kirche ganz zur Hofkirche machte.

Freilich, das Volk hatte die Lehren der Reformation anders begriffen. Das Volk, die Menge, unbekannt mit den Fiktionen der Gelehrten, trennt nicht zwischen Geist und Körper, trennt nicht zwischen der Freiheit der Seele und der materiellen Wohlfahrt.

Der Blitz, den Luther durch die dunkeln Lande geschleudert, war in die Hütte des Armen, des leibeignen Bauern, mit blendender Helligkeit geschlagen. Der Ruf der Freiheit erscholl in den Bergen und Wäldern, und wälzte sich zu den unzähligen Burgen der kleinen deutschen Tyrannen, und zerbrach sie in Trümmer. Und Luther?

Luther ermahnte zwar die Fürsten und Herren zum Nachgeben re., aber er mußte den Freiheitskrieg der Sclaven gegen ihre Despoten verdammen, weil er seine Kirche in den Dienst dieser Despoten selbst gegeben hatte, und sich mit sammt seinen Aposteln. Das war die erste Frucht der Verbindung der Kirche mit dem Staate.

Die Fürsten haben von da an in Gemeinschaft mit ihren neuen Hofdienern und Staatspolizeigehülfen, de» evangelischen Geistlichen, die Glaubensfreiheit zu einem fürstlichen Privilegium gemacht, und jede demokratische