Einzelbild herunterladen
 

— su -

fällt, daß sie den Wagen wieder auf den festen Grund zurückzwingt, daß sie nicht allein reagirt, sondern auch con- trerevolutionirt, restaurirt. Es ist Blödsinn, an der Richtigkeit dieser Logik zu zweiseln, einer Logik, die sich hier wie dort, in der französischen Republik, wie am preußischen Hofe, in der lumpigsten Ständekammer, wie im deutschen Parlament erwiesen hat. Wer die Hand eines Fürsten faßt, mag es die starke Hand deS absoluten Mo­narchen oder die abgemagerte, schwindsüchtige des sogenannten constitutionellen Regenten sein, wer mit den Kano­nen der Spießbürger unterhandelt, ist verloren, sich selbst, seinem eigenen Gewissen, der Freiheit, dem Fortschritt verloren, ist der unbedingte Feind der democratischen Bewegung.

Alle Phrasen vom allmähligen Fortschritt, alle Redensarten von Vereinbarung und Mäßi­gung, alle Schwätzeteien von ruhiger Entwickelung sind die Jesuitenkünste, mit denen der Restauration das Feld eröffnet, den Kanonen und Büchsen das Terrain geebnet, mit denen die Hetzjagd auf die Demokratie heilig gesprochen wird. Die Parteigängerin für die blutrothe Spießbürger-Monarchie, für das Königthum der Belage­rungszustände und Kugelguillotinen, ist die Feigheit, die Zaghaftigkeit, das Evangelium der Nützlichkeitsrüâsichten. Die praktische Demokratie hat ein Tirailleurgesecht gegen diese Parteigängerin zu eröffnen, sie hat nicht eher zu ruhen, bis die Masse der Halben, der Kurzsichtigen, der „ehrlichen" Verräther, der „edlen" Betrüger vernichtet ist, bis die Aussicht frei geworden, bis die Parteien rein und klar sich entgegenstehen, die Partei der entschiedenen Royalisten, der entschiedenen Spießbürger und die Partei der entschiedenen Demokraten, der entschiedenen Socialisten.

Die demokratische Partei hat den blutschänderischen Bund, die Ehe an der linken Hand, mit den republika­nischen Spießbürgern eben so zu brechen, als die Mätressenwirthschast mit den socialen Royalisten. Dieser Bund, diese Ehe, diese Wirthschaft heißt den Verrath in das eigene Lager ziehen, heißt den demokratischen Schlachtplan an die Polizei liefern, heißt sich für den letzten Kampf die Sehnen abschneiden, das Pulver und Blei unbrauch­bar machen.

Der Punkt, auf den die Entwickelung der Geschichte gekommen ist, ist nicht mehr der Vergleich, sondern der Bruch, nicht mehr die Reform, sondern die radikale Revolution. Die konstitutionelle Partei hat den letzten Ueberrest der „alten Gesellschaft" in Stücke gebrochen, ihr Ziel war die Vernichtung der alten Stände, die abstrakte Gleichberechtigung Aller, die Lüge der Wr.cherer, der Spießbürger, der Abenteurer. Die konstitutio­nelle Partei hat die alten Riffe, die alten Sandbänke aus dem Strome des Volkslebens fortgeschafft, sie hat den Adel verjagt, aber nicht um den Strom fahrbar für Alle, Alle zu machen, sondern um ihn für sich zu behalten, für die Spießbürger und Wucherer. Die ungeheuere Masse des Volkes, welche früher mühsam mit weitertrieb, um die Felsen der alten Monarchie, diese ungeheuere Masse ist jetzt an daS Ufer geworfen, der Lohn ihrer Arbeit ist die Arbeitslosigkeit.

Der Kampf, welchen die Demokratie zu führen hat, ist somit ein ganz verschiedener von allen Kämpfen der früheren Jahrhunderte, es ist der Kampf der AuSgestoßenen gegen die gewaltigen Besitzer unseres Fahrwassers, gegen die Besitzer der Welt, des Himmels, der Luft, der Sonne.

Der Spießbürger ist unfähig, diesen Kampf als solcher anzunehmen. Eben die Hände noch roth von dem Blute der alten Vorrechte, der alten Ueberkommenheiten, ist er unfähig, mit gutem Muthe, in geschlossenen Reihen nach beiden Seiten zu kämpfen, gegen die sich immer und immer wieder erhebenden Geister der Gemordeten und die schwieligen Fäuste der AuSgestoßenen. Er wird die Geister versöhnen, indem er sie beschwört mit Hoffnungen, Versprechungen, mit Vereinbarungen und Zugeständnissen, er wird den Seelen der Gemordeten einen neuen Leib, ein neues Kleid anweisen, der geängstigte, in den Kampf geworfene, zum Kampfe eilende Spießbürger wird sich der alten Zeit verkaufen, um vor dem Verrath im eigenen Hause sicher zu sein. Der Spießbürger wird seiner eigenen Revolution ins Gesicht schlagen, um sich gegen die andere Revolution die Munition zu verschaffen.

Diese Nothwendigkeit der spießbürgerlichen Reaction hat die praktische Demokratie zu begreifen. Die prak­tische Demokratie hat einzusehen, daß der Spießbürger in der großen Hetzjagd gegen sie der Hunde der alten Monarchie bedarf, der absoluten Gewalt über Leben und Tod, der alten Bomben und Kartätschen. Der Verrath der Liberalen ist schon offen genug an das Licht getreten, neun Monden hat eS nur bedurft, um den Weg der heimlichen Intrigue , der Blendwerke und Berückungen zu verlassen, neun Monden sind erst vorbei, und die Hetz­jagd hat schon in gewöhnlicher Art begonnen, begonnen nicht, sie ist zum Theil schon mit Büchse und Messer gesprochen.

Schmach und Schande der deutschen Demokratie, wenn sie dümmer wäre als ihre Gegner, feiger als ihre Gegner, wenn sie weniger Muth besäße, den begonnenen Kampf bis an das entscheidende Ziel durchzukämpfen, als ihre Gegner. Die Stunde des letzten Kampfes wird kommen.

Reaktionär oder Revolutionär!

H. Heise.