— 135 —
I
h'gfett für Alle bestehen soll, daS eine Interesse, den Staat der Lüge und Nichtsnutzigkeit, jenen herzlosen, gotteslästerlichen Staat in den Staat der Liebe, der Brüderlichkeit zu verwandeln, ihr habt das Interesse, was nicht ihr Interesse ist, nicht das Interesse eurer Feinde, der Herren, der Gewaltigen dieser Welt. Ihr würdet den Staat zu Grunde richten, denn ihr würdet Gerechtigkeit von ihm fordern.
Der Neujahrwunsch ist verständlich! Verständlicher würde er noch lauten, wenn die Spießbürger vom Thurme geblasen hätten: Wir haben kein Interesse an Euch Das wäre die rechte Form, das wäre beim Jahresabschied der Fußtritt der Revolution, der Fußtritt für die Armen, Elenden, Unglücklichen, für die Arbeiter! Warum scheut ihr euch? Der Arme hat nichts, als seinen Grimm, der Grimm verwundet aber nicht. Der Grimm zehrt nur am eigenen Herzen, der Grimm ist ein elendes Ding, das nach Luft schnappt, wie ein Ertrinkender!
Wir haben kein Interesse an Euch! Bewahre! Später, später — - - die Glocken läuten bereits in der Ferne, aber für dieömal, wie gesagt, ist noch der alte Neujahrwunsch gut:
„Wir haben kein Interesse an Cuch!"
Cassel, den 23. Dezember 1848.
Das lebendige Wesen der Volkssouveränetät — oder was hier dasselbe sagen will, der Democratie — ist namentlich auch die persönliche Gleichberechtigung aller volljährigen unbescholtenen Bürger zu den Nrwahlen der Volksvertreter. Deswegen wird auch in jedem politisch reisen Volke der Wahlakt selbst, als höchste Berechtigung jedes einzelnen Bürgers, stets mit der größten Energie von den gegenüberstehenden Parteien ausgeübt.
Ist nun schon ein solcher Wahlkampf, mit ehrbaren Waffen geführt, ein höchst erfreuliches Zeichen des regen Volkslebens, um wieviel mehr erst muß jeder wahrhafte Volksfreund sich betheiligen, wenn die Volksvertreter selbst über zeitgemäße Feststellung eines allgemeinen Wahlgesetzes berathen.
Eine solche Berathung sand in den Sitzungen unserer Ständeversammlung am 21. u. 22. d. M. Statt.
Die Diene Hessische Zeitung hat bereits in drei aufeinander folgenden Nummern einen großen Theil ihres Raumes mit dieser Berathung ausgefüllt. Wie immer, verfällt sie auch hierbei in den so oft schon ihr vorgeworfenen Fehler der schroffsten Parteilichkeit, woküber hin sich zu erheben sie, bei ihrer angebornen Engbrüstigkeit, überhaupt unvermögend erscheint. Diesmal aber hat die Neuhessische noch härterer Vorwürfe sich würdig gemacht, die sie im Interesse ihrer Leser und ihres eigenen Schönheitssinnes sowohl, als auch hinsichtlich der im ganzen Volke unge- tstellten Sympathie für unsere Minister, recht sehr beherzigen möge. ,
Mit Recht beschweren sich ihre Leser über die Bevormundung , welche ihnen dadurch auferlegt wird, daß nur die Reden der Rechten ausführlich, hingegen die der Linken andeutungsweise und noch dazu sinnentstellend, und mitunter «»wahr ihnen zugemessen werden. Ja sie zweifeln fast am Geschmack*) der Neuhessischen, weil sie über die geistvollen Reden von Mitgliedern der Linken — welche bei solch' principiellen Fragen durch innere Wahrheit und Feuer die lauen Formeln der Gegenpartei natürlicher Weise gänzlich in den Hintergrund drängen, gleichgültig hinweggeht, mit der naiven Bemerkung: „vielleicht später daraus zurück zu kommen."
Dergleichen dürste eine einigermaßen gewiegte Re- daction -- am wenigsten so kurz vor dem Beginn des neuen Abonnements — sich nimmer zu Schulden kommen lassen.
Am härtesten aber verstößt die Neuhessische gegen unseren braven Eberhardt. Jedermann weiß, daß Eberhardt das volle Vertrauen und die Liebe des Volkes besitzt, und es hat sich bereits eine beträchtliche Anzahl seiner Freunde im Volke verbunden, um jede von gewissen Seiten her etwa ihm zugedachte Verlegenheit von ihm ab und auf deren Urheber zurück zu wenden.
Dennoch bemühet sich^ die Neuhessische nach allen Richtungen hin, aus den Ständeverhandlungen über das neue Wahlgesetz, aus denen auch nicht die entfernteste Veranlassung dazu sich ergibt, die Nothwendigkeit eines Minister-Rücktrittes hcrauszukiügeln**). Hat doch die ganze Kammer, mit Ausnahme eines einzigen Mitgliedes, und namentlich die Linke, dem Ministerium Eberhardt wiederholte, von der Neuhessischen wohlweis- lich gänzlich unerwähnt gelassene, Vertrauensvota gegeben. Sie aber besteht nun einmal auf den Minister- Rücktritt a tout prix, gleichviel, ob Giund vorhanden oder nicht. Dies liest sich, so verblümt sie auch schreibt, doch aus jeder Zeile, aus der eclatanten Schlappe u. f. heraus, und dem Tiefereingeweihten kann selbst das kein Räthsel sein, was sie mit ihrem gesperrt gedruckten albernen Ausdruck „und doch, der Jude wird gehängt — " sagen will.
Ja in ihren Minister-AbdankungSgelüsten geht sie schon so weit, neue Ministerlisten aufzustellen, und bringt dabei hinter ihren Combinationen, ob der Abgeordnete von Eschwege und Knobel neben einander am Ministertische? oder ob ein Ministerium Bayrhoffer? so bedenkliche Fragezeichen an, als ob sie darauf die Antwort erwarte: „Nein, beide nicht, nur ein Ministerium
*) Geschmack? Man lese nur die Sonnette des Bürgers Fr. Detker, Die Nedaction.
**) Der Verfasser scheint die Feinheiten und geheimen Schönheiten der neuhessischen constituiionellen Systems nicht ganz zu kennen. Die Red.