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Auf Sonnenschein folgt aber Sturm, das ist eine Laune der Natur. Im Westen gibts aus einmal Blitz und Donner, der Himmel steht in Flammen, die Sturm­glocken setzen sich in Bewegung und ihr gellendes Klang findet ein gewaltiges Echo in allen Gemüthern, ^ft das der jüngste Tag? Man glaubt es. Die Bourgeoisie verstummt und entsetzt sich, der Adel sucht daS schirmende Obdach der Mauselöcher, die Standesherren und Fürsten werden zu Salzsäulen, alle rufen: Wehe unS neuen So- domitern, und Gnade! Gnade!

Wer war es nun, der die Rolle des zürnenden Gottes übernahm? Es waren alle die, welche nicht in die Zufriedenheit, das Jauchzen und die Purzelbäume mit eingestimmt hatten: es waren die kleinen Bürger, die Studenten und vor Allen das von der alten Gesell­schaft schon aus den Listen der Menschheit ausgestrichene Geschlecht der Proletarier. Auf den Barrikaden von Berlin siegte die Unzufriedenheit über die Zufriedenheit. Die Gensdarmerie war äußerlich vernichtet, die Mo­narchie stand wehrlos Der Prinz von Preußen entfloh über das Meer, der König selbst packte seinen Koffer, _ — das zweite Mal, daß wir Friedrich Wilhelm IV auf einem edlen und hochherzigen Entschluß ertappen.

Seine Hochherzigkeit war eine voreilige. Der edle Menschenfreund hatte geglaubt, das Volk wolle sich nun selbst glücklich machen. Seine Majestät hatte deshalb Höchstihre Völkerbeglückungs - Pläne auf­gegeben. Seine Majestät kannten Höchdero Preußen nicht. Jetzt erst zeigten sich die trefflichen Früchte der allerhöchsten Bemühungen, denn jetzt, wo die Monarchie wehrlos dastand, wo die Gensdarmerie äußerlich ver­nichtet war, jetzt wurde es offenbar, daß die Gensdar­merie beim preußischen und deutschen Volke bereits zur sittlichen Macht geworden war, daß jeder Preuße einen vollständigen, mit Pickelhaube und Waffenrock ver­sehenen Gensdarmen im eigenen Busen sitzen hatte, den er nicht besiegen konnte. DaS Volk trank daher unter dem Ruf: „Hosiannah in der Höhe!" aufs Wohl un- serer constitutionellen Könige und Kaiser! — — Die Herrschaften dachten: Auch gut! Und so dachte auch unser Held, Friedrich Wilhelm IV. Wollt ihr nicht glücklich sein durch euch selbst, sprach er im friedlichen Augenblick, so muß ich meinen alten Plan wieder aufnehmen, so muß ich euch glücklich machen, denn glücklich müßt ihr werden um jeden Preis. Wir wollen es mit dem Vereinbaren probieren. — Das ist die dritte Hochherzigkeit des hochherzigsten aller Fürsten, Friedrich Wilhelm deS Vierten.

Sehr edel! Aber der Teufel ruht nicht. Das von jeder wohlmeinenden Regierung am meisten Gefürchtete, das von jedem guten Unterthan am meisten Verabscheute trat ein, — Wühler wurden sichtbar. Durch Wühle­

reien der furchtbarsten und entsetzlichsten Art (russisches, französisches, englisches und auch ungarisches Gold mußte mitwirken!) gelang's ihnen, in weiteren und weiteren Kreisen Boden zu gewinnen, das Vertrauen auf Fried­rich Wilhelm des Vierten hochherzige Absichten zu un­tergraben — ja fogar am Ende in der vereinbarenden Nationalversammlung durch terroristische Mittel (Taschen­guillotinen und drohend gezeigte Stricke) eine Majo­rität für sich zu erlangen. Von da an war Nichts mehr zu vereinbaren.

Die Ansicht des völkerbeglückenden Königs: „ der Staat bin ich!" und die aus dem Gottesgnadenprincip gezogene Folgerung, daß es für die Freiheit und Glück­seligkeit des Volks hauptsächlich nur darauf ankomme, den König recht frei und glücklich zu machen, diese Allerhöchste Ansicht stieß auf Widerspruch. Auf Wi­derspruch, auf den Widerspruch Seiner Majestät stieß aber auch die umgekehrte Ansicht der Wühler. Somit war der ganze Plan des Königs, sein Volk zu beglük- ken, in Gefahr, in Gefahr durch das zwi e sa ch e Prin­cip, das sich in der Gesetzgebung und Verwaltung des StaateS geltend machen wollte. Beide Parteien appel- lirten. Der König hat den Prozeß gewonnen, die Ein­heit der Regierungsgewalt mußte hergestellt werden, das Volk wollte sich nicht selbst glücklich machen, sonst hätte es den König weggeschickt, folglich muß der Kö­nig das Volk glücklich machen. Es ist die alte Geschichte — Absolutismus oder Republik.

Das ist die einfache Bedeutung der oktroyirten Ver- fn^ung, — die Herstellung eines einheitlichen Regie­rungsprincips zu Gunsten des Absolutismus. Man weiß jetzt, woran man ist, Berlin liegt nicht mehr zwischen Petersburg und Paris mitten inne, sondern es ist die Vorstadt von Petersburg.

Und die Moral auö der Geschichte?

Der König von Preußen ist---natürlich ein sehr ehrenwerther Mann. Otto.

Korrespondenz. — Hr. X melbet sich zur Empfangnahme abgelegter Leibregimentsbärte. — Hr. C. über die Rothhamelsche Volksbewaffnung. Ist uns nicht ganz klar. — Hr. L. . . schildert uns mehrere Personen auf dem Messingbammer, unter andern auch Hr. St., den er den ganz kleinen Windischgrätz nennt. Gibt's jetzt überall. — In Rotenburg soll sich ein Bürgergardelieutenant befinden, der der Aufwiegelung gegen Juden angeklagt ist. Warum nicht? Es gibt Polizeidicner, die noch ärgere Sachen ge­trieben haben — Hr. O. in M. erkundigt sich nach den hiesigen Landständen. So viel wir wissen, befinden sich selbige ziemlich wohl. Sie haben bereits eine Adresse an unseren allverehrten Kurfürsten erlassen und sich mit den Stadtneuigkeiten bekannt gemacht. Was das Wahlgesetz anlangt, so scheint sich das Sprüchwort geltend zu machen: „Mit den Wölfen mußt du heulen." Mit dem andern Sprüchwort, auf das Hr. O. anspielte: „ Schlechte Gesellschaft verdirbt gute Sitten", hat'è noch keine Noth. —

Kassel. Verantwortlicher Herausgeber: H. Heise. — Druck der Estt enne 'schen Buchdruckerei.