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Die freie Presse.

Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.

43» Dienstag, den 20. Juni 1848.

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Beitrag zur Lösung des sozialen Pro­blems der Gegenwart.

(Schluß.)

Die Klasse der Bedürftigen zerfällt in zwei Kategorien, die der Arbeitsfähigen und der (durch Alter, Krank­heit rc.) Arbeitsunfähigen. Ersteren kann und muß nur durch Arbeit geholfen werden, sie müssen sich selbst er­halten, die Arbeitsunfähigen müssen durch die Gesell­schaft erhalten werden.

Daß der Arbeitsfähige arbeiten, den aus der Arbeit ge­zogenen Gewinn benutzen, für Gegenwart und Zukunft sorgen, daß er seine Stellung in und zu der Gesell- schaft richtig verstehen und einsehen lerne, wie nur in der freien Wechselthätigkeit des sozialen Lebens und nicht durch künstliche Mechanik die Wohlfahrt jedes Einzelnen gedeihen könne, dieß ist Sache der Erziehung, und auch ich bin der schon von Anderen ausgesprochenen Ueberzeugung, daß sie die Wurzel alles Volksglücks sei. Die Klagen über Mangel an Erwerb, Noth und Elend unter den Arbeitern würden nicht so häufig sein, wenn nicht viele derselben der sittlichen Grundlage ermangelten, auf welcher allein das Gebäude gesicherter Existenz sich erheben kann, und jenem grenzenlosen Leichtsinn, der nur von einer Stunde zur an­deren lebt und roher Genußsucht sich hingiebt, als Opfer sich preiß gäben. Wenn indessen Mancher sein Schicksal selbst verschuldet, so wäre es ungerecht, über alle Leidenden den Stab zu brechen und dem Mitmenschen in der Zeit der Noth unbarmherzig zuzurufen: Aide-toi, et le ciel taidera!

Die Vorschläge, welche zur Verbesserung des Looses sowohl der arbeitsfähigen als arbeitsunfähigen Bedürftigen gemacht worden, sind Legion, und ich will vor der Hand nicht auf Untersuchung ihrer Zweckmäßigkeit oder Ausführbar­keit eingehen. Eine Vorfrage vielmehr ist es, die ich erörtern will, und deren Erledigung mir nothwendig er­scheint, bevor man einen Schritt weiter geht. Soll ein

krankhafter Zustand geheilt werden, so muß er zuvor rich­tig erkannt werden. Dieß paßt so gut auf die Krankhei­ten des sozialen wie des individuellen Körpers. Unser Mit­mensch Cajus klagt der Gesellschaft, daß er Noth leide. Wird die als Arzt berufene Gesellschaft die Arznei verord« nen, ohne den Zustand zuerst genau untersucht zu haben? Vernunftgemäß wird Niemand Dieß zugestehen wollen, und dennoch verhält es sich in praxi anders. Wer, wie Verfasser dieser Zeilen, eine Zeit lang Beisitzer unserer Armenpflege-Deputation gewesen, kann hiefür Zeugniß adle, gen. Wie schlecht und oberflächlich oder selbst gar nicht diese Behörden, welche die Unterstützungen an die Bedürf­tigen anzuweisen und zu vertheilen haben, sie, welche das exequirende Vermittlungsglied zwischen den Hülfe-Leistenden und Hülfe-Empfangenden sein sollten, von den häuslichen Zuständen der Letzteren unterrichtet sind, ist eine offenkun­dige und täglich zu machende Wahrnehmung. Wie kann es anders sein? Kann man in einer großen Gemeinde dem kleinen Häuflein von Armenpflegern zumuthen, in jede Hütte hinabzusteigen und durch Augenschein und sorgfältige Prü­fung genaue Kenntniß zu nehmen von den Ursachen und Details der Noth des Einzelnen, um auf diesem Wege die Mittel zur wirksamen Abhülfe zu finden? Das ist eine psychologische Aufgabe, die weder durch einen flüchtigen Besuch noch durch Hörensagen gelöst wird. Wenn Ihr das Loos Eurer Mitmenschen verbessern wollt, geht hin und lernt von einer Fry, die nicht Viertelstunden, sondern Tage, Wochen und Jahre ihres Lebens in den Gefängnissen zu­brachte und die Freundin, ja ich möchte sagen, die Genos­sin Derer wurde, denen sie Hülfe und Trost brachte! Unsere Armenpfleger sind vom aufrichtigsten Willen beseelt; ihre Kräfte können aber der riesenhaften Last, die man ihren Schultern aufbürdet, nicht gewachsen sein. Die Zahl der Petenten beträgt selbst in kleineren Städten oft wöchentlich mehrere Hunderte. Wie werden ihre Bitten erledigt? Man hält Umfrage unter den Armenpflegern, ob irgend einer unter ihnen etwas von den Verhältnisseu des Petenten wisse. Dieser oder jener ertheilt darüber eine magere Notiz und