Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
Sh Ä2. Sonnabend, den 17. Juni 18418*
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Beitrag zur Lösung des sozialen Problems der Gegenwart.
Die Ereignisse der Gegenwart bezeichnen einen jener gewaltigen Abschnitte in der Weltgeschichte, welche, wie die Gründung des Christenthums, die Völkerwanderung, die Reformation, die französische Revolution von 1789, Epoche in der fortschreitenden Entwickelung des Menschengeschlechts machen, eine neue Aera derselben eröffnen, Deren Impulse, unabsehbar fortwirken und die mit deutlicher Stimme den Völkern verkünden , daß die Geschichte noch nicht ihr letztes Wort gesprochen habe und daß die Perfektionabilität des Menschen noch nicht erschöpft sei Jedes für Menschenrechte empfängliche Gemüth muß von Begeisterung erglühen bei dem Gedanken, daß nach tausendjähriger Prüfung, nach tausendjähriger Unmündigkeit die Völker mit einem Male zu politischem Selbstbewußtsein und zum Gefühle der Nothwendigkeit jener sozialen Freiheit, welche allein die volle sittliche Entfaltung deß individuellen Menschen gestattet, erwachen. Zeugen dieses bewunderungswürdigen Entpuppungsprozesses sein und zugleich die sichern Grundsteine für die Wohlfahrt künftiger Geschlechter in freigemachten Staaten legen zu dürfen — dies ist das Glück der Jetzleben- den, dessen Werth kein Wohlgesinnter verkennen möge! Der Jubel über die Bewegung des Tages würde aber noch größer sein, wenn nicht gegründete Befürchtungen mancher Folgen dieses Umschwunges der Dinge bittere Tropfen des Wermuths in den Kelch der Freude fallen ließen. Die Gefahr ungesetzlicher Uebergriffe und roher Willkür des Proletariats, die Gefahr, daß die Gährung der Ereignisse in die barbarische Herrschaft des Kommunismus umschlagen und alle Ordnung, alles Gesetz auflösen könne — dies ist's, was die Einsichtsvollen mit Recht bedenklich macht und Mäßigung der Freude gebietet, so lange noch der Sturm der Zeit tobt und braust. Man begehe jedoch gegen den Kampf der Völker um ihre lange entzogenen Rechte nicht das Unrecht, als hätten diese edlen Anstrengungen und ihre
Erfolge erst das gefürchtete Gespenst der ungemessenen Prä- tensionen des Proletariats und des sein Haupt erhebenden Kommunismus hervorgerufen. Der Funke glimmte längst unter der Asche, und lange vor dem 24. Februar haben sich genug Stimmen erhoben, welche vor dem drohenden Ausbruche des verzehrenden Feuerbrandes warnten. Doch geschah nichts, um das Uebel im Keime zu ersticken; die Trägheit der Regierungen überließ sorglos der Selbst- hülfe der Zeit, der Gefahr zu steuern. Der Krebsschaden fraß weiter, und nun sieht man verwundert drein, daß er offen zu Tage tritt.
Wir wollen nicht über DaS rechten, was geschehen ist, sondern uns um das bekümmern, was fortan geschehen muß. Wir wollen nicht darüber streiten, wodurch die gegenwärtigen Zustande der niederen Volksklassen verschuldet worden, sondern redlich nach den Mitteln wirksamer Abhülfe forschen. Die Stellung, in der wir uns befinden, ist ein fait ac- compli. Auf die neu errungenen Freiheiten sind wir stolz; sie verleihen uns eine nie gekannte, auS dem Bewußtsein, aus der Begeisterung für Recht und Wahrheit, aus der Vaterlandsliebe sich erkräftigende Stärke; mit dieser gewappnet, hoffen wir erfolgreich auch alle Hindernisse zn heben, welche das Glück des Landes zu gefährden drohen. Aber laßt uns keinen Augenblick zaudern, der im Innern drohenden Gefahr keck in's Angesicht zu schauen; laßt uns weder nutzlose Experimente in kommunistischen Theorien machen, noch auch die Ohren gegen den Schrei der Noth unserer Mitbrüder verstopfen, die mit Recht auch ihren Antheil an menschlicher Wohlfahrt fordern.
Man rüste sich zur Vertheidigung gegen Ost und West. Diese Vorsicht ist lobenswerth. Die im Innern von den sozialen Verhältnissen aus drohende Gefahr ist aber größer und liegt näher, als diejenige, gegen welche sich die Kampflust regt. Der innere Feind rührt sich in allen Ländern und wird die Nationen so furchtbar im Schach halten, daß sie kaum Muße finden werden, Eroberungs- oder kriegerischen Gelüsten Raum zu geben. Jenes Volk wird aber am Ersten und Besten auch nach Außen gerüstet und verthei-