Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
91= 3Ä. Donnerstag, den I. Juni 1848.
Der Preis diese» wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich I Lhlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des Jn- und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile 1 Sgr.
XXXVIII. — XIV. = XXIV.,
oder:
die vereinigten Staaten Deutschlands.
In der Zerrissenheit des deutschen Volkes werden Millionen zum Fenster hinausgeworfen — und die schwüle Luft in der Politik, die beklagenswerthe Unsicherheit, die unsere deutschen Fürsten selbst empfinden, hat bei vielen veranlaßt, daß sie ihre großen Renten und Einkommen nicht einmal ganz im Lande verwenden oder anlegen, sondern sie zur Sicherheit ins Ausland wandern lassen. Ist das nicht eine Schande, eine ruchlose Schmach für uns Deutsche? Wo sollte mit Recht das Eigenthum unserer Fürsten, ihre Zukunft, ihre Existenz gesicherter sein, als unter dem Schutz des treuen deutschen Volkes? Und warum halten so Manche es nicht dafür?--Wir wollen offen und redlich zu einander reden, es soll ja fürder Wahrheit sein zwischen Fürst und Volk, und außerdem steht der Feind vor den Mauern und Rath und Vertrauen muß geschafft, muß bergestellt werden. — Weil der Kleinere fürchtet, von dem Größeren bei guter Gelegenheit, nach dem Beispiel des Ulysses, in der Art von 1806 unb 1816, gefressen zu werden, und der Größere besorgt, das geduldig deutsche Volk könnte doch auch eine erlauchte Begierde oder einen durchlauchtigen Heißhunger nach den Schätzen und nach den Domainen bekommen, oder seine treuherzige deutsche Natur in die der Katzen, angelockt vom Hahnengeschrei im Westen, verwandeln. So gebiert ein Uebel das Andere und das Vertrauen, die Treue scheint gar zu weichen aus unseren Landen. Aber es liegt Alles tiefer. — Ein Hahnengeschrei erschreckte die Wächter und das Gekrächze einer Nachteule von Minister konnte sie in Furcht setzen. Fuhr nun gar ein Rabe oder eine Elster im vorwitzigen raschen Flug seiner Rede oder Flugblattsbegeisterung an die Fensterscheibe, so war Umsturz des Reichs, Demagogie und Aufruhr vor den Thüren; die Wagen wurden gepackt, in das Portal der Ausfahrt gestellt, aber nach hinten, damit das Volk eS nicht sehe, daß ein Glied des Bundes abzufallen drohte, die Garnison bekam scharfe Patronen, die Jnquisitionsge- richte wurden bemannt, Spandau, der Hardenberg, das Schloß und Spangenberg füllten sich mit Jünglingen. Doch es fanden sich am Schlüsse langwieriger Untersuchungen und schwerer Gefängnißtortur, daß zwar die Jünglinge Greise wurden und wahnsinnig aus dem Gefängniß in das
Gefängniß wandern mußten, daß aber mulhwillige Jungen auf dem heiligen Vorhof des Schlosses Ball gespielt, und kein Rabe, keine Elster einmal, sondern nur rin s ch w arz - roth-goldener Ball an das durchlauchtige Fenster geklopft. Das ist ungeschliffen; aber noch mehr war es kleinlich, einer großen Nation ganz unwürdig. Es ist dies die unmittelbare Folge unserer fleinlkben Zustände und weckte Empörung, Mißbehagen und Mißstimmung. Es muß, es soll anders werden. Läßt doch das Volk gern den Fürsten ihre goldene Pracht an Herrlichkeit, Sternen und Stoffen aller Art unbeneidet; es gehört einmal dazu, und es freut sich vielmehr das Volk dieser Pracht, die doch dem Bürger Nahrung giebt und wenigstens nicht hinauswandert in todte Banknoten des Auslandes oder sich vergräbt in der Frankfurter Straße Nr. 37 und 38. — So meinet es doch redlich mit dem Volke und seinen Farben, sie erfreuen das Herz und stählen den Muth und die Treue, wenn es erst weiß, daß es Euch, Ihr Fürsten, Ernst ist mit diesen Farben deutscher Nation, und dies gehört einmal dazu, so werden sie in den Tagen der Noth Freude gewähren, die größer ist, als der Jubel offizieller Feste, und einen Schatz bewahren, der größer ist, als alle Schätze Louis Philipps, die er als weiser Staatsmann nach England geschafft. Die Noth ist da; nicht das eigene Volk mit seinen Farben, wahre Feinde nahen und drohen mit völliger Vernichtung der abgerissenen Trümmer, welche wir aus dem Schiffbruch des Reichs und den Kämpfen und Siegen gegen Frankreich retteten.
Wie, wird man uns fragen, wie verträgt sich denn diese glorreiche Erhebung des Reichstages und etwaigen Präsidenten, exekutiven Ausschusses oder gar Kaisers zu alter Herrlichkeit mit der Wirklichkeit in Deutschlands politischer Ein - und Vertheilung an 38 souveraine Fürsten und Städte, wie sieht es da mit der Hauptsache, dem Reiche selbst aus?
Wir können nicht anders, wir müssen Opfer von den Fürsten fordern, und somit muß der noch stehende kleine Landesherr dem Schicksal seiner, um einige Jahre früher gezwungenen, von der schwindelnden Höhe hinabgestoßenen Mitstände im heiligen Reiche, freiwillig hinabsteigend folgen. Der größere Landesfürst muß dem Kleineren etwas abtreten zum Wohle des Ganzen, und Jeder, auch der Größte, muß auf alle Vergrößerung seiner landesherrlichen Besitzungen für immer verzichten. Um deutlicher zu werden: die kleineren Fürsten müssen mediatisirt werden und