Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
R 83. Sonnabend, den 27. Mai 1848.
Der greife dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen lobt. Postämtern des Zn- und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.
Sind es Opfer, welche man dermalen von den deutschen Fürsten verlangt?
So wenig wie die einzelnen Menschen, können die Völker einen einzigen Tag oder eine einzige Handlung ihres Lebens ungeschehen machen. Die Summe des Ganzen bildet die Geschichte, das Resultat die Erfahrungen. Nur die richtige Anwendung der Erfahrungen kann das Glück der Menschen begründen und aus einem üblen Zustand in einen bessern uns leiten. Noch kein Mensch in der Welt ist durch Gelehrsamkeit oder aus und durch herrliche Dich- * terträume vollkommen glücklieb geworden. Was der Mensch /ür sich allein in der Idee für dies Erdenleben nicht finden kann, wie sollte das die ganze Gesellschaft, also das Volk, in den Ideen seiner, wenn auch noch so ausgezeichneten Banner finden können? Es ist unmöglich! Erfahrung und Tugend, verbunden mit gesunder Vernunft, die Jedem von Gott verliehen ist, oder Jeder in sich ausbilden kann und soll, das ist der Zweck unseres irdischen Daseins; sind allein die Mittel, welche die Glückseligkeit des einzelnen Menschen, wie ganzer Völker, herbeiführen und befestigen können. Ohne Ausbildung der Vernunft sind die Erfahrungen des Lebens Niemandem etwas nütze; ja er erkennt, er begreift die eigenen Erfahrlingen gar nicht einmal, wie wir bei ungebildeten Menschen aller Stände täglich sehen. Ohne Tugend nützen alle Erfahrungen nichts, denn sie erst gewährt Beharrlichkeit, Mäßigkeit, Muth, Ausdauer, Treue, Wahrheit und verlangt den Genuß zu seiner naturgemäßen Dauer.
Wenn nun die Erfahrung eines Volkes seine Geschichte ist, so wird die Vernunft solche Erfahrungen beurtheilen, ausscheiden und deren Werth oder Unwerth bestimmen und mit diesem und ähnlichem Material an dem großen Nationalbau weiter bauen, nicht aber in wilder Hast alles verwüsten, zertrümmern, und sich einbilden aus den zersprungenen und zerborstenen Mauern des Domes einen noch bei weitem schönern Tempel errichten zu können. Ist aber ein großes Werk ohne Schweiß und Mühe, ohne Opfer und Kosten zu fordern? Gewiß nicht. Sehen wir nun die Nothwendigkeit ein, daß auf dem alten Grundbau fortgearbeitet werde, so wird uns Deutschen auch die erhabene Tugend der Selbstverleugnung gewiß nie fehlen, mit Großmuth jedes Opfer willig dem Vaterlanve zu bringen und des eigenen Nutzens, Vortheils oder Wohllebens einiges ferner zu entbehren.
Entbehret doch Jeder gern und bringet zum Opfer das Höchste aller Erdengüter, das Leben selbst, dem Wohle, der Freiheit deS Vaterlandes.
Deshalb müssen auch die deutschen Fürsten willig diejenigen Opfer dem Wohle und der Erhaltung des Ganzen bringen, welche dringend nothwendig sind. Wir hoffen dies um so mehr, als wir annehmen, daß sie ihr Ohr nicht mehr den feilen Schmarotzern und schlechten Dienern in dieser wichtigen Lebensfrage leihen werden. Wir erwarten dies um so mehr, als wir annehmen, daß Jeder sich an sein biederes Volk, an seine freien Männer wendet, und dem Urtheil der eigenen Vernunft, den Trieben unvertilgbarer Tugend folgt. Wir erwarten das um so mehr, weil die geschichtliche Erfahrung den deutschen Fürsten sagt, daß sie nicht mit gutem, vollem Recht in ihre jetzige Stellung gekommen sind, daß sie auf Kosten des heiligen deutschen Reichs sich bereichert, vergrößert und mit dem unantastbaren Schmuck des Reichs bekleidet haben; indem sie gleich den Satrapen Alexanders sich in sein Reich theilten; welches sie nicht einmal sich eroberten, sondern »einer freien Nations es mit Gewalt vorenthielten, obwohl verbürgt, versprochen und verbrieft, dennoch vorenthielten, welche sich selbst wieder befreite, um wieder ein Ganzes, ein freies Reich zu bilden, in welchem Jeder seinen gebührlichen Platz wieder kinnehmen sollte und mußte, bis auf gesetzlichem Wege die Regeneration, die zeitgemäße Reformation bewirkt worden wäre. Jeder Fürst war des Reiches Glied und Unterthan, so gut wie jeder Reichsstand oder Reichsbürger; ihm gab das Reich Gesetze, denen er Gehorsam schuldig war. Der Reichsstrafe war er verfallen, wenn er in Ungehorsam verfiel, und des Fürsten Verbrechen straften die Reichsgerichte so gut, wie die Verbrechen der niedrigsten Reichsglieder. Welcher Unterschied ist hier zwischen einem deutschen Fürsten, gegenüber dem deutschen Reiche, und einem heutigen sogen. Groß -Unterthan des deutschen Landesfürsten? Welche Strafe würde den Groß - Unterthan treffen, wenn er eine nur ähnliche Handlung beginge, wie unter dem Schirme der sogen, heiligen Allianz so viele im Frieden und nach den Siegen der Völker begangen wurden? — Im Namen Gottes und der heiligen Gerechtigkeit würde es ergehen, wie es im vergangenen Jahre noch den Großen einer einst großen Nation erging, den — Polen. Doch, Deutsche! wir müssen billig sein, wir müssen nicht die drängenden Zeiten und Verhältnisse übersehen und zu gering anschlagen, wir müssen erwägen, daß auch