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Die freie Presse.

Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.

91= 32 Donnerstag, den 25. Mai 18^8.

Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich I Thlr. 15 Sgr. Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des Jn- und Auslandes. Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.

Aur Würdigung der Moral und Politik in der neuesten polnischen National - Erhebung in Posen.

(Fortsetzung.)

Wenn die Staatsbeamten selbst, die überhaupt in jüng­ster Zeit erschütternder und überstürzender Veränderungen bereits vorbereitet waren, um auch das Unglaublichste zu glauben, überdies bekannt mit der büreaumäßigen Lang­samkeit von Behördemittheilungen, wenigstens die Möglich­keit annehmen mußten, daß die Entscheidung des Königs auf die Posener Deputationsanträge, früher dem Polen­thum als ihnen zugekommen sein konnte, so schien ihnen meistentheils nichts weiter übrig zu bleiben, als nur noch über die Eile, die Formlosigkeit des neuen polnischen Gou­vernements sich zu wundern, umsomehr, als sie auf ihre frühern berichtlichen Anzeigen der Polenbewegungen höheren Orts gewöhnlich ganz unbeschieden geblieben waren.

Es wurde nun von Seiten der erschienenen Kreisko- mitè's überall unter angeblich artigen Formen, aber mit ausdrücklicher Berufung auf eventuellen Zwang durch die versammelte Volksmenge die Versiegelung der Kreiskasse, der Kämmerei-Kasse und der Abschluß der Kassenbücher vorgenommen, den Postbeamten die Ablieferung aller amt­lichen Korrespondenzen an den in Stelle des Landraths auftretenden sogenannten » Kreiskommissarius und Befehls­haber des Kreises« aufgetragen, und den Rendanten, Post­beamten, Bürgermeister, Distrikts-Kommissarius, Kreis­sekretair rc. protokollarisch oder öffentlich mündlich erklärt: » Sie seien ihrer definitiven Anstellung enthoben, würden »aber angewiesen, die Geschäfte bis auf weitere höhere An- > ordnung provisorisch und zwar nicht mehr im Namen des »hier nicht mehr Geltung habenden Königs, sondern im > Namen des polnischen Nationalkomitè's und unter vor- * läufiger Beaufsichtigung und Ueberwachung durch die ihnen »beigeordneten polnischen Beamten fortzuführen, indem Je- »der, der dies nicht thun wollte, für sofort gänzlich cassirt »und abgesetzt« erklärt wurde. Es wurden gleichfalls die nöthig scheinenden Verfügungen der neuen Regierungsbehör­den in Stadt und Land verbreitet; die Schulzen von Ge­horsam gegen die früheren Beamten mit Hinweisung auf die neu eingetretenen entbunden, und sie angewiesen, die Preußischen Adler abzunehmen, was auch häufig genug geschah, da die von polnischen Gutsherrn abhängigen Schul­

lehrer gewöhnlich gern dabei zur Hand gingen. Daneben dauerte der öffentliche Jubel in den Gasthäusern fort, und wurden den von All diesem ganz benommenen und betroffe­nen Deutschen sogenannte Bruderhände und Bruderküsse ein- und aufgedrückt, das argwöhnische Staunen der, über diese plötzliche Beseitigung der bisherigen Staatsverwaltung verwundeiten Leute durch eine unter glühenden Freundschafts­betheuerungen wiederholte Anerkennung der »Freiheit der Personen und des Eigenthums« wenigstens augenblicklich beschwichtigt. Diese »Anerkennung« der sich doch wahrlich von selbst verstehenden »Freiheit der Personen und des Eigenthums« wurde nun bald das allgemeine Schiboleth, welches auch noch unerhörte weitere Schritte rechtfertigen sollte; aus der »Anerkennung« wurde ein »Schutzrecht und eine Schutzpflicht« gefolgert, »und be­hufs deren Erfüllung sogar, wir wir bald sehen werden« die Erschaffung eines polnischen Landsturms nothwendig erklärt!

Inzwischen bestürmte die polnische Deputation in Ber­lin König und Regierung, und bethätigte den Schritt des Bettlers in Gellerts Fabel: »Ich bitte nur, da zeigt er ihm den Degen ich bitte nur um eine kleine Gabe.« Während in der ganzen Provinz überall bereits die größte Lüge mit frecher Stirne verkündet, dem Volke gegenüber öffentlich der König und die Staatsverwaltung beseitigt war, dem Volke sein König geradezu abgelogen war, wurde in Berlin dem König sein Land abgelogen. Es wurde von dem durch die gewaltigsten Erschütterungen bedrängten Mo­narchen mit unerhörter Keckheit die sofortige Entschließung über das Aufgeben der Provinz verlangt, es wurde von kecken, überlauten Stimmführern dem Könige die halbe Million der deutschen Unterthanen, die gesammte Juden­schaft, die gesammte Masse treuer polnischer Bauern, (die den Haß der polnischen Gutsherrn gegen ihre aus der preußischen Agrargesetzgebung empfangenen Besitzthümer sehr wohl kennen und würdigen) geradezu unterschlagen; cs wurde die schon Jahrhunderte lang als Mischland beider Na­tionen bestandene, durch deutschen Sinn, deutsche Kraft und deutsches Geld kultivirte Provinz ihm hingestellt als ein rein polnisches Ackerstück; es wurde das im rechtmä­ßigsten Kriege gegen Frankreich und Warschau eroberte, im vollgültigsten Frieden und sogar ohne die mindeste Prote­station auch nur einer polnischen Stimme erworbene, zur nothwendigen Staatsabgrenzung Preußens so unumgänglich nothwendige und doch nur ungerne genommene Land ihm