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zwingliche Leidensperiode noch lange. Der Fußboden eines Ballsaales hat auch seine unbezwingliche Leidensperiode, die freilich damit endet, daß er zuletzt ausgehöhlt wird; aber man flickt ihn oder legt auch wohl einen neuen, wäh­rend die Tanzenden höchstens im ganzen Leben einige Paar Schuhe gebrauchen. Der Esel und der Karrengaul haben auch ihre Leidensperiode, nur dauert sie bis an ihr seliges Ende dann überliefert sie der Treiber dem Abdecker und spannt einen andern Esel ein. Das edle Geschlecht stirbt deshalb nicht aus. Es wurden zwar aus Deutschlands Rüstkammer zu Wetzlar, Regensburg rc die alten Schlacht­schwerter hervorgeholt und gleich den Vorfahren geschwun gen, d. h. man erhob sie aber das Geschlecht war nicht mehr da, das dem Hiebe Nachdruck verschaffen konnte. Die Rheinhessen protestirten auf die feierlichste Weise von der Welt, aber sie wurden mit Protest zurück­geschickt. Was blieb nun übrig? doch wohl nichts weiter, als die unbezwingliche Macht des stillen Leidens. Aber auch Ehre dem Ehre gebührt! In der Sitzung der Stän­deversammlung am 5. Dezember trat der Deputirte Jor­dan als Vorkämpfer auf die durch die Frankfurter No­vember-Ordonnanzen am meisten bedrohten Bastionen unse­rer jungen Verfassung und begründete folgende Anträge:

1) Die Staatsregierung um Auskunft über die unserem Bundestagsgesandten ertheilte Instruktion zu ersuchen;

2) die Mittheilung des Begleitungsschreibens zu verlan­gen, welches unser Bundestagsgesandte den letzten Bundestagsbeschlüssen beigefügt, und

3) den Landtagskommissar daran zu erinnern, daß die Ständeversammlung die Vorlegung der Bundestags­protokolle begehrt habe.

So viel uns bekannt ist, blieben diese Schritte ohne Erfolg; sie sind aber doch geschehen, und wer weiß, ob sie nicht noch einmal zur Sprache kommen und dann ein Resultat haben.

Wir müssen unser Augenmerk auf eine andere Seite hinwenden. Die Kasselaner konnten zwar im Vollgefühle des unendlichen Segens, den ihre edle Regsamkeit hervor­gebracht , mit Stolz auf die jüngste Vergangenheit zurück­blicken. Aber die Bürger Kassels hatten furchtbar gelitten, und nachdem das Fieber nachgelassen und der Puls wieder ruhiger schlug, da spürten sie auch erst ihre Entkräftung. Im Innern der Stadt hatte allenthalben Jammer, Elend und Dürftigkeit zugenommen. Ein Jahr der Aufregung war verflossen, in dem Jeder großherzig den eigenen Vor­theil aus den Augen setzte, und, sein ganzes Streben auf daS Aeußere richtend, die kleineren Interessen des häusli­chen Heerdes vergessen lernte. Aber eben dieser Eifer hatte auch den Hof aus seinen Mauern verbannt, mit ihm flo­hen die Hülfsquellen, von denen Tausende gelebt; einen Vortheil nach dem anderen, eine Lebensquelle nach der an­deren sah der Bürger fliehen. Gott mußte helfen und er gab einigen Ersatz. Aber hiermit war nicht ersetzt, was in den früheren langen Monaten verloren war, nicht das, was die Angst vor jener asiatischen Krankheit dem Bürger ausgepreßt, nicht was das Ausbleiben der zahlreichen Frem­den und Reisenden, die sonst die Stadt besucht, derselben geschadet; nicht was das Einstellen der mannigfachen öffent­lichen und Privat-Bauten, wo Hunderte, wenn auch dürf­tig, aber doch Brod fanden, dem gewerbtreibenden Bür­ger sowohl, als denen entzogen, die der Augenblick ernäh­

ren muß. Handel und Wandel war erstorben und die ho­hen Preise der Lebensmittel ängstigten das Volk und der eintretende Winter machte den Menschenfreund erzittern, wie einer Noth, die so groß noch nie war, abgeholfcn, und die Blöße von Tausenden bedeckt werden sollte. Die gedrohte Auflösung des Theaters ließ berechnen, daß aber­mals an 100 Menschen wieder brodlos würden. Dazu kam noch eine moralische Unzufriedenheit. Man sing an einzusehen, daß die große Jagd nach erhöhten Gehalten im vollen Gange sei; es war ein wahres Treibjagen , und daß eine Partei nach der andern sich aus der Bürgergemein­schaft zurückziehe. Der Geist, der dadurch unter die Bür­ger gebracht war, konnte sich nicht gut erhalten, da ihm die Nahrung bald abging. Die Intelligenz hatte sich zu­rückgezogen und ein eigenes Heerlager gebildet, woraus die Masse jetzt nur als Mittel haranguirt wurde. Früher fand man allenthalben, wo Volk war, auch Leute, die mit Rath zur Hand gehen konnten und ihn ertheilten nach ihren individuellen Ansichten. Hierdurch hörte aller Par­teigeist auf. Es war eine allgemeine Amalgamation. Jetzt aber erschienen sie als Abgeordnete, um zu leiten, um den Zweck zu erreichen, der in dem sogenannten Eentralpunkt der. geistigen Regsamkeit, dem Lesemuseum, als solcher gesteckt war. Die Masse war dadurch unbewußt zur Ma­schine herabgewürdigt und Bürger, die es gut und redlich meinten, konnten öfters mit ihren Ansichten nicht mehr durchdringen, denn sie fanden sich gegenüber eine kom­pakte Opposition, die das Ansehen, die geistige Ueberlegen- heit, Dialektik und Sophistik für sich hatte. Sie tobten und lärmten gegen Adel, Militär rc. und gehörten selbst der furchtbarsten Aristokratie an; denn die mit der Mut termilch eingesogenen Begriffe sind nicht so schnell verwischt und das Glück eines Staates ist ein zartes Gewebe, durch Jahrhunderte gesponnen. Oft steht es mit Umständen in Verbindung, die auf den ersten Blick klein und geringfügig erscheinen, wie denn überhaupt der Begriff von Wichtig­keit so relativ ist, daß oft schon riesenhafte Wellbegeben­heiten durch den Schlag einer Sekunde, wie donnernde Lawinen durch den Flügelschlag eines unbedeutenden Vo­gels, Hervorgernfen sind. So läßt sich auch mit Zuvei sicht behaupten, daß die Mehrdeutigkeit eines bloßen Wor^ tes schon Unheil für ganze Völker angerichtet hat. Zum Beispiel der Ausdruck Staatswohl, salus publica, wo­von unsere alten Eompendien des Staalsrechts weitläufige Definitionen geben, ist ein großer Hut, unter den sich viel bringen und jede Gräuelthat eines Despoten rechtfertigen läßt. Das Staatswohl verlangt es: darum ließ Don Miguel, wenn's ihm gefiel, Hunderte hinrichten; darum wird den Unterthanen das Blut abgezapft, und die Frucht ihres Schweißes gestohlen; darum reißt der Fürst eigen mächtig die Hütte des Armen nieder, um PaUäste zu bauen; darum werden Prinzessinnen an fürstliche Wüstlinge geschmiedet, Kleider- und Kaffeeordnungen erlassen, der Universitätszwang eingefühlt, Millionen verschwendet, Staatsschulden gemacht, die Preßfreiheit vorenthalten, und aristokratisch regiert.

Nicht minder kann, besonders in einem konstitutionellen Staate, wahrhaft unglücklich die Vieldeutigkeit des Wortes Bürger sein Und bas war hier der Fall. Es läßt sich nicht leugnen, daß gerade unsere neuesten Ereignisse die j Gegensätze der Stände lebhaft hervorgerufen haben. Schroff