Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
9F 27. Sonnabend, den 13. Mai 18L8
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Geschichtlicher Rückblick. 1S30—1831♦
IV.
Und wirklich war auch schon eine merkliche Veränderung in unserm ganzen öffentlichen Leben im Anmarsche; die bisherige freisinnige Censur ward schärfer, der Censor für die erscheinende periodische Presse legte sein Amt in dieser Beziehung nieder. Die Censur ward der Polizei übertragen. In einem Artikel in seiner Rümmer 50 vom 23. November 1831 »Kampf um die Preßfreiheit« überschrieben, erörterte der Verfassungsfreund diese Frage und behauptete, daß die Preßfreiheit in der deutschen Bundesakte allen Deutschen gesetzlich zugesichert sei und erklärte zugleich, hier zum ersten Male (später wiederholt sich dies): »den Angriffen der Gewalt werden wir aber die unbezwingliche Kraft des Leidens entgegen setzen«; und fährt am Schluffe dieses Artikels so fort: »wenn endlich dennoch ein strengerer Censurbefehl erscheinen sollte, dann werden gewiß die biederen Hessen burcb- d i e unwiderstehliche Kraft des Nichtsthuns (der Passivität) sich und ihrer gerechten Sache den Sieg erringen, dann wird jeder, der die hessische Verfassung beschworen hat, das Amt eines Censors auf den Grund der Bundesakte und jener von ihm beschworenen Verfassung unter jeder Bedingung zurückweilen; denn derjenige, der es annähme, würde sich ja selbst als einen Feind unserer deutschen Verfassung, mithin als einen Feind der Freiheit und Ordnung öffentlich bezeichnen.« — Und wir werden später sehen, was geschah. Die dumpfen Gerüchte aber, die jetzt schon im Umlauf waren wegen Frankfurter Ordonnanzen, schienen sich zu bethätigen, da man mit Bestimmtheit wußte, daß etwas dort vorbereitet würde. Aller Augen waren von jetzt an ununterbrochen nach der Seite gerichtet, von wo man den Schlag erwartete. Er kam — aber langsam. — Da das Gerücht sich von einer Woche zur andern als ungegründet erwies, so war man sicher geworden, und deshalb traf auch der Schlag um so härter, deshalb der fast einstimmige Angstruf des konstitutionellen Volkes. Während die oben beschriebenen Aristokraten wohl wußten, was zu erwarten stehe, rieben sie sich zähnefletschend die Hände, daß ihnen das Meisterstück gelinge. Sie hatten sich die »unbezwingliche Kraft des Leidens« gegen Angriffe der Gewalt gemerkt. Sie hatten aber auch gesehen, daß im Heerlager der Volksfreunde selbst Uneinigkeit herrsche, über
20= oder lüfachen Betrag bei Ablösungen, in der oben angeführten Hüne'schen Sache rc., und je mehr sich die um tereinander stritten, um so kecker traten sie hervor. Der 7. December ward vorbereitet. Es war überhaupt stiller geworden, man sing schon an der Ruhe zu pflegen. Viele waren schon vom Schauplatz abgetreten, dahin rechnen wir vorzugsweise die, deren Lage sich bereits unter der neuen Ordnung der Dinge gebessert hatte. Der Staats- minifter Wiederhold war gestorben; wir wollen glauben, daß er sich getäuscht hatte. Schenk von Schweinsberg war auch vom Schauplatz abgetreten. Es schien, als würde eine Bretterwand aufgeschlagen, wohinter die nöthigen Vorkehrungen getroffen werden. Wie im Kleinen, so im Großen. Wie die Hauptleute in Hessen uneinig waren, so waren es auch die Generäle in Deutschland. Welker wollte die deutsche Bundesakte umstoßen, um etwas Neues zu bauen; Jordan wollte die Bundesakte, wie sie besteht, nur die gewissenhafte Erfüllung derselben, und v. Rotteck sprach von der ersten badischen Kammer, wegen einer Meinungsverschiedenheit, in öffentlicher Sitzung mit verächtlichem Hohne, indem er die Verwerfung eines Gesetzes einer Handvoll Junker Schuld gab; obgleich wir wohl kinräumen, daß der Adel aus Eigennutz gegen das Gesetz gestimmt haben mag. Der Bundestag zeigte auch wirklich, daß er aus seiner Passivität heraustrete. Das in Strasburg erscheinende Tageblatt »das konstitutionelle Deutschland« ward verboten und den Regierungen eine schärfere Aufsicht über die in Deutschland erscheinenden periodischen Blätter empfohlen. Ein anderer Beschluß des Bundes erklärt alle Bittschriften an die hohe Bundesversammlung, welche die gemeinsamen Angelegenheiten Deutschlands zum Gegenstand haben, als unstatthaft und sollen als solche zurückgewiesen werden. Das waren die Vorposten, die Tirailleure, das Wetterleuchten vor dem Gewitter. Es war aber auch der erste Schlachttag zugleich. Die Kurhessischen Stände begannen damit, den Minister des Auswärtigen für die Abstimmung des Kurhessischen Bundestagsgesandten verantwortlich zu machen; Baden folgte nach und auch der König von Holland erklärte sich als Großherzog von Luxemburg für die Preßfreiheit. Ach, die Zeit war ja schneller herangerückt , als man geglaubt, wo wir die unbezwingliche Macht des Leidens entgegen stellten! — Eine schöne Zeit für ein Volk — wenn man nur wüßte, wie lange dies Leiden, als unbezwinglich, ! bestehen muß. Wenn's so fortgeht, so besteht die unbe-