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Die freie Presse.

Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.

91= 26 Donnerstag, den 11. Mai 1848.

Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich I Thlr. 15 Sgr. Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des Jn- und Auslandes. Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.

Geschichtlicher Rückblick. 18301831.

in.

Aber das Schicksal der Völker war jetzt nicht mehr bedingt wie früher, mit Offenheit der Gewalt war augen­blicklich nichts zu bezwecken, man bedurfte eines schleichen­den Giftes^ um erst Stockung ins Lebenselement zu brin­gen. Man drohte schon jetzt mit Bundesbeschlüssen ?c., lind hauptsächlich thätig ward ein Natterngezüchr, das, von dem Liberalismus der Zeit und der Verfassung niedergetre­ten, im heimlichen Einverständniß den Staatskörper umschlich, zwar die Formen nicht beschädigte, aber die reifenden Früchte der Verfassung tückisch zernagte. Dies bestand aus allen Ständen, doch hielt es sich hauptsächlich innerhalb der 8 Klassen der Rangordnung. Dieses Geschlecht, welches man ansing wieder mit dem Namen der Aristokratie zu bezeichnen (eine Zeitlang hatten wir keine in der Bedeu­tung des Wortes), äußert seine Thätigkeit in zweifacher Weise. Die Thätigkeit der Aristokratie pflegt sich nämlich erstens zu äußern durch ihren Einfluß auf die Person des Fürsten. Es ist für dessen nächste Umgebung, auch wenn er noch so energisch und selbstständig ist, mit einiger Klugheit nicht schwer, entweder direkt auf seine Regierungs­handlungen, oder wenigstens auf seine Privatansichten, die sich aber in der Regel in jenen aussprechen werden, nach und nach einzuwirken. Ist es deshalb schon überhaupt eine wichtige Pflicht des Regenten, sich vor diesem Einfluß, der selten aus reiner Quelle kommt, zu hüten, so ist in einem Staate, welcher eine Konstitution im neuern Sinne des Worts erhalten hat, jene Pflicht noch viel wichtiger und die Vorsicht gegen seine Umgebung noch viel dringen­der. Denn wenn z. B. unsere Verfassung das Prinzip der Rechtsgleichheit ausgestellt hat, so sind dadurch ganze Stände ihrer Vorrechte, welche sie bisher mit Stolz genos­sen, beraubt. In der Regel sind dies die Reicheren, der Adel und die höheren Staatsbeamten. In der Natur der Sache nun liegt der Erfolg, daß die Gekränkten, denen der Weg zum Hofe leichter, als Andern wird, den Drang fühlen, sich an die Person des Fürsten anzuschließen, und, da die neuesten politischen Veränderungen häufig den fal­schen Begriff von Opposition zwischen Fürst und Volk hervorgerufen haben, zugleich mit jenem eine Art von Gegensatz gegen dieses zu bilden, eine Maxime, welche oft mit dem Mantel der Treue für den Fürsten frevel­haft bedeckt wird. Um so leichter wird das Spiel da,

wo der Fürst mit aristokratischen Gesinnungen entgegen­kommt, und auf diese Weise böslich oder unvorsichtig das eigene Werk geradezu zerstört.

Betrachtet man dagegen zweitens jene Herren nicht in der gekrümmten Stellung, in welcher sie die Person des Fürsten umgeben, nicht in ihrem Gallakleid, in welchem sie sich durch die Thüren des Palastes drängen, nicht in ihrer Eilfertigkeit, mit der sie den Privatneigungen des Herrschers, die keiner Eontrasignatur bedürfen, huldigen, begleitet man sie vielmehr nach Hause in den Kreis der Ihrigen, oder in die Theegesellschaft , oder auf den Spazier­gang, wo man vielleicht gewohnt ist, ihre Rede besonderer Aufmerksamkeit zu widmen, so zeigt sich der Aristokrat im bürgerlichen Leben, und das ist die zweite Seite, von der er schadet. Hier haben denn auch die nichthoffähigen Leute jener Gesinnung den angemessenen Spielraum. Auf dem Bierkeller, beim Billard, mif der Bürgergardenwache, über­all kann der Samen ausgestreut, an der großen Schand­säule gebaut, und dem liberalen Sinne des Volkes das Gift zugeträufelt werden. Ich rede nicht von denen, welche das aristokratische Prinzip offen aussprechen, oder es auf eine plumpe Weise verfolgen, denn sie möchten wohl selten höfliche geute finden (insbesondere fällt dem gemeinen Mann nichts stärker auf die Nerven, als aristokratische Grundsätze) sondern von denen, welche unter der Larve der Frei- si'nnigkeit klugerweise den gutmüthigen Hessen hinters Licht führen. Wäre man doch nur immer wachsam gewesen, um solche Füchse bei Zeiten zu durchschauen, und darauf gefaßt, ihnen, wie sich's gebührt, die Wahrheit zu sagen: »Jst's euch nicht genug, die Seele des Fürsten zu vergif­ten? wollt ihr auch an der Seele des Volks freveln? Nicht nur Fremdlinge seid ihr in unserem Lande, ihr seid auch Mörder des Volkslebens, und euch trifft die Verachtung des Fürsten, der sein Volk liebt, ebensowohl, als die des armen Handwerkers, der euch, wenn er euch erkennt, zur Thüre hinauswirft.« Nehmet euch in Acht rief damals eine warnende Stimme Hessen! vor dem schleichenden Gifte des Aristokratismus! Wir sind sicher vor Despotie im Innern durch die Verfassung und die Gesinnung des erhabenen Regenten, auch sicher gegen die Uebermacht des­potischer Fremdlinge durch Vaterlandsgefühl und die Kraft, für das theuere Gut zu sterben, aber wir sind nicht sicher gegen Aristokratie, trotz Verfassung, Fürst, Vater» landsgefühl und Kraft zum Tode für die Freiheit.