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Die freie Presse.

Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.

R 24. Sonnabend, den 6. Mai ISIS.

Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. Man abonnirt bei allen lobt. Postämtern des Jn- und Auslandes. Bekanntmachungen die Zeile 1 Sgr.

Geschichtlicher Rückblick. 18301831»

Wollen wir nicht blos in den Tag hineinschreiben, so wie sich die Dinge uns augenblicklich darbieten, so wird es unumgänglich nothwendig sein, einen festen und gewissen Standpunkt einzunehmen, um von hieraus die gemachten Erfahrungen in das ^große Buch des Lebens einzutragen, Lehren für die Gegenwart und Zukunft daraus zu schöpfen und dann die Wanderschaft mit frischem Muthe und fro­hem, aber kräftigem Sinn, zu beginnen. Wo die Erfah­rungen abgehen, da fehlt auch der sichere Wanderstab, da hüpft man leicht über Auen, aber beim Ersteigen des klein­sten Hügels strömt schon der Schweiß von der Stirn, und stößt man gar auf einen Berg, so sinken wir ermattet auf die Knie, bitten Gott um ein gnädiges Ende, verza­gen an unserem Aufkommen und wagen cs nicht den Muth zu fassen, einen Ausweg zu suchen. Nirgends aber mag es nothwendiger sein, einen Rückblick zu thun, um die gegenwärtigen Zustände gehörig aufzufassen, als hier.

Ein öffentliches Leben, d. h. einen Zustand, wo die rege offene Theilnahme des Volkes sich durch Theilnahme an Allem, was sein geistiges und materielles Wohl fördern kann, bethä­tigt, kannte man nicht einmal dem Namen nach in Hessen. Daß die Stände in früheren Jahrhunderten öfters kräftiger auftraten, als das seit mehreren Landtagen geschieht, das können wir kein öffentliches Leben nennen. Das Volk nahm keinen Antheil. Es mußte blindlings folgen und die Stände, Prälaten, Adel und Städte repräsentirten es kei­neswegs, und an deren Händel ward auch nur wenig An­theil genommen. Das freie, kräftige deutsche Volk war schon untergegangen in dem Kampfe der Fürsten mit ihren Vasallen, wo sich die Städte mit den Landesherren verban­den, um einen übermüthigen, demoralisirten Adel zu unterdrücken und den Höfen der Fürsten einzuverleiben, wo er bald in dem seidenen, gestickten Wamms, statt Harnisch, und den venetianischen Strümpfen, statt Beinschienen, dem betreßten Hut, statt Helm, und dem Galladegen, statt des Schwertes, erscheint, baldigst entnervte und mit den Für­sten gemeinschaftliche Sache gegen das Volk machte, ein Recht nach dem andern usurpirend. Die Residenzen hatten den Nutzen davon und drückten sich deswegen. Der Adel mußte ja in ihnen seine Revenüen verprassen; aber das Landvolk, der Kern der deutschen Nation, an dem manche Entsittlichung spurlos vorübergegangen, stand getreten, verachtet und gedrückt von Allen da. Scheinbar nur ge­

schaffen zu Frohnden, Abgaben und Soldaten. In einer solchen Zeit existirt kein öffentliches Leben. Und dennoch war es dieses verachtete Bauernvolk, das den Aufstand wagte, um der Fremdherrschaft der Franzosen zu begegnen. Ein konstitutionelles Leben war auch wohl das nicht zu nennen, als der verstorbene Kurfürst Wilhelm I. die Stände inclusive des Bauernstandes, versammelte, und als sie nicht unbedingt zu den Regierungspropositionen : » Ja!« sagten, wieder wegschickte, ohne auch nur an eine Einberufung zu denken. Nachher trat die schöne unvergeßliche Zeit von 1823 bis 1830 ein, wo das weit verzweigte Polizeisystem alles in Schrecken und Furcht erhielt, aber auch den ersten Hülferuf veranlaßte. Der Adel war es, der unzufrieden mit der allgewaltigen Gräfin Reichenbach, an den Bun­destag eine Bittschrift, die Einberufung der Stände zu veranlassen, richtete als er aber inne ward, wie un­gnädig das vermerkt wurde, zog er die Petition zurück. Das System des Vielregicrens erlangte seine höchste Stufe; der Staat war Alles in Allem und ohne die Einwilligung desselben, respektive der Behörden, durften weder Einzelne noch Korporationen irgend eine Handlung vornehmen. Der letzte Schatten von Gemeinderechten und Freiheiten schwand und sie wurden dergestalt unter Vormundschaft ge­stellt, daß sie nur bis fünf Thaler freies Verfügungsrecht über ihr eigenes Vermögen, über ihre eigenen Einnahmen behielten. Die Unbehaglichkeit in allen Lagen des Lebens war vorherrschend. Handel und Wandel lag durch ein furchtbares Mauthsystem beschränkt darnieder, das Grund­eigenthum wurde immer mehr verschuldet, alle Einnahmen gemindert und dagegen Luxus gegen alle Kräfte des Lan­des in Aufschwung gebracht. Stolze Bauten erhoben sich, nicht aber zur Wohlfarth des Landes, denn sie halfen kei­nem gefühlten Bedürfniß ab. Es wurden zwar auch Stra­ßen und Brücken gebaut, aber sie konnten keine Früchte bringen, denn ihre Thore versperrten Zollbereiter, Grenz­aufseher und Landdragoner. An Fabrikanlagen dachte man nicht, mit Ausnahme einer monopolisirten Zuckerraffinerie und einigen Anlagen für wollenes Tuch. Aber im Volke wußte man wiederum auch nicht, wo der Schuh drückt. Man fühlte sich leidend, dachte dies und dachte jenes. So lange man aber nur denkt, nicht spricht, verzehrt man im eigenen Gram , ohne Hülfe. An einen leisen Funken von Presse war nicht zu denken. Die Kasselsche All­gemeine Zeitung brachte konsequent nur matte aus­wärtige Tagesneuigkeiten in Auszügen aus andern Zeitun-