Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
91= 21. Sonnabend, den 29. April 18^8*
Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen löbL Postämtern des Jn- und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.
Was ist Recht und Politik in der — bei dem Frankfurter Kongreß für „offen" erklärten — Posener Frage?
Die Netze — ein früher kaum zum Holzflößen brauchbares Wasser, durch Mühlenwehre barrikadirt — ist durch Preußen zu der wichtigsten Pulsader des Verkehrs geworden; schiffbar gemacht, vermittelt sie allein das Weichsel- bett (die Pulsader der beiden Provinzen Ost- und Westpreußen) mit dem Oderbette (der Lebensader Schlesiens und der Mark); es gibt zur Verbindung dieser Provinzen, außer der ungenügenden Seefahrt längs der Ostseeküsten keinen andern Wasserweg als die Netze — diese rein preußische, rein deutsche Schöpfung des großen Friedrich. Der Netzedistrikt, überall fast ganz deutsch, ist daher das Wesent. liche für die Zusammengehörigkeit dieses Länderstrichs, das nothwendige und nicht zu missende Mittelglied, was bei Preußen und hiermit bei Deutschland durchaus verbleiben muß, und dies auch um so mehr kann, als es auch in kommerzieller Hinsicht in gar keinem Zusammenhänge mit den südlichen mehr polnischen Posener Gegenden steht; es ist eine Durchzugsgegend, die nur den Durchgangsverkehr nach Osten und nach Westen hat, und auch den Verkehr und die Absatzprodukte seiner Ufergegenden nach Osten (Bromberg rc.) und nach Westen (Landsberg rc.) leitet, aber gar keinen Verkehr nach der Provinzialhauptstadt Posen hat, obwohl diese größer als jene beiden Städte und den Netzestädten Filehne, Czarnikau, Uscz viel näher als jenen beiden liegt. Die langgestreckte Netzegegend bildet ein völlig eigenes Lebenselement für sich, neben dem südlichen wieder für sich selbstständigen Posener Lande; wer könnte auf die Idee kommen, im Besitze zweier Endpunkte, die dazwischen liegende Verbindungsstraße sich entfremden zu lassen oder gutwillig fortzuschenken? Es war höchste politische Weisheit des großen Friedrich, der neben der Landverbindung (Westpreußen) auch die Wasserverbindung (Netzediftrikt) seinen getrennten Staatsstücken zufügte, und sie zu einem Ganzen organisirte; soll man gegen Friedrichs Geist jetzt sündigen, weil man 1817 aus büreaukratischen Motiven behufs Herbeiführung konformer, analogerer Ober- präsidialbezirke (Provinzen) den Netzedistrikt, der zu Westpreußen gehörte und dessen Namen trug, zum ganz heterogenen Posener Lande warf, und beiden Einen Namen gab und diesen Namen Großherzogthum betitelte? Die
unter demselben Oberpräsidenten stehenden zwei Regierungen zu Bromberg (für den Netzedistrikt) und Posen verwalten zwei ganz in sich verschiedene Landstriche. Die Hinübernahme des Netzedistrikts zu Ost-undWestpreußen und damit zum deutschen Bunde ist ganz unumgänglich.
Nacbdem dies geschehen sein wird, wird die Ausschließung des Posener Landes vom deutschen Bunde zwar keine absolute Lebensfrage mehr, aber doch gefährlich genug sein.
Zuerst ist auch hier der westliche und südliche Grenzstrich, die Kreise Birnbaum, Meseritz, Fraustadt, ganz deutsch; soll er mit geopfert werden, will ihn Deutschland von sich weisen? würde er nicht nothwendig vom polnischen Posener Lande ausgesondert und zu den Provinzen Brandenburg und Schlesien geschlagen werden müssen? Sodann über den innern und östlichen polnischen Rest eine Frage: soll dieser und darf dieser nicht dem deutschen Bunde inkorporirt werden, und warum nicht? verbietet es etwa die Nationalität? Letzteres gewiß nicht, denn es existiren auch andere Nationalitäten in den Grenzen des deutschen Bundes, und zwar eben slavische Nationalitäten; erinnern wir uns an Mecklenburg, an die sächsische und schlesische, märkische Lausitz, endlich an Mähren und das große Böhmen, welches sogar den Churhut trug! Ist die Nationalität in diesen eremplifizirten halbdeutschen Bundestheilen unterdrückt? von Deutschland, vom deutschen Bunde wahrlich nicht. Und wir wissen Alle, daß Deutschland diese Landestheile nicht entbehren kann, — ein Blick auf die Karte lehrt es — und daß sie im deutschen Bunde existiren können, wirklich existiren seit Jahrhunderten. Stellt sich etwa die Frage beim Posener Lande anders? nein! Hatte eine weise Politik vor 33 Jahren Preußens außerdeutsche Provinzen mit zu Deutschland geschlagen, Deutschland würde jetzt zurückbeben vor dem Gedanken, einen solchen liefen Länderausschnitt aus seiner Gemarkung zu dulden, wie man jetzt gedankenlos genug bereit zu sein scheint; und die künstliche polnische Erregung des Posener Landes würde nie zu Tage gekommen sein, wenn man es verstanden hätte, durch Chausseeverbindung zwischen Bromberg über Posen (die noch mangelt!) nach Breslau den Verkehr Ost- und Westpreußens mit Schlesien hi nd urchz u leiten, statt 4- Jahrhundert lang um die Provinz herum über Frankfurt rc.; um wie viel mehr würden sich dann alle diese Provinzen in Posen selbst die Hand gereicht haben.