Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
R- 19.
Dienstag. den 25. April
1848.
Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Lhlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des In- und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.
Deutschlands dermalige Stellung.
Die auf den Flügeln der Winde sich folgenden welt- erschütternden Ereignisse durchzucken ganz Europa und versetzen uns in eine Spannung und Bewegung, in welcher wir nur mit der größten Anstrengung den ruhigen Blick auf die Gegenwart und die sichere Ueberlegung für die Zukunft uns erhalten können.
Von der einen Seite werden wir getrieben von der Begeisterung für die tagende Morgensonne der Freiheit und Größe des deutschen Vaterlandes, von der anderen Seite ermahnt uns die Vernunft in so ernster gewichtiger Zeit die ruhige Erwägung dessen, was Noth thut, nicht zu versäumen und in thatkräftiger Handlung der Zeit der Gefahr zu nützen. — Wo sollen wir diese Ruhe, diese See- lenfreihtil hernehmen, um uns ein solches Bild in unserer dermaligen Lage zu beschaffen? Von allen Seiten toset und brauset es um uns her und da sollen wir des Meeres Tiefe in solch' stürmender Mitternacht ergründen? Da sollen wir die Stunden und Tage Euch bestimmt angeben können, wann die Sonne leuchten, wann die Sterne ruhig blinken, wann wir Land sehen werden? Das verlangt nicht von uns! Aber verlangen könnet Ihr, daß wir mit fester Hand unsern Nachen lenken und leiten und mit Nath und That an Handen gehen und darin nicht müde und nicht laß werden. Um das aber zu können, müssen wir das Terrain kennen, auf welchem wir arbeiten, wir müssen uns die Wahrheit wie im Spiegel vorhalten und nicht wanken und nicht weichen von ihr; sie wird uns leiten auf rechter Bahn, wenn wir sie als Steuer benutzen. Wollen wir an der Hand der Wahrheit wandeln, so müssen wir uns in keiner Beziehung selbst tauschen, sondern offen und aufrichtig mit uns selbst sein und danach auch unsere ganze Handlungsweise einrichten. Manches wird hierdurch auch klarer werden und sein eigentliches Licht erhalten, zugleich wird es auch zur Verständigung dienen, wenn das Volk seinen richtigen Standpunkt erkennt und von diesem aus wirkt, denkt und spricht. So wie wir jetzt stehen, können wir nicht bleiben, können wir die Fortentwickelung nicht gehörig leiten und werden in vielen Stücken nicht Herr der Zeit, sondern die Zeit wird Herr über uns werden. Vor allen Dingen also Klarheit.
Deutschland, von Feinden umringt, innerlich getheilt, zerrissen, ohne Anführer, noch gemeinsamem Centralpunkt,
ohne offenes inniges Vertrauen zu seinem Bund und seine Führer, ohne Zusammenwirken aller seiner Kräfte, stehet allein, auf sich allein und seinen guten Genius gewiesen. Es haben sich die Staaten Italiens befreit, aber zugleich den bittersten Haß gegen die Deutschen, ihre bisherigen Unterdrücker, unverholen an den Tag gelegt.
Es ist Frankreich durch seine großaitige Revolution dergestalt umgewandelt, daß ihm in völkerrechtlicher Beziehung nicht mehr zu trauen ist. Frankreich hat sich losgesagt von den europäischen Prinzipien: monarchisch-konstitutionelle Ordnung und der Sicherheit des ^Eigenthums jedes Einzelnen. Es hat einen gesetzlich geordneten Kampf auf Leben und Tod aller Besitzlosen gegen alle Besitzenden or- ganisirt. Die Männer dieser Richtung sprechen es unver- holen aus, daß sie die neuen republikanischen Prinzipien auf der Spitze der Bajonette über den Rhein tragen, und durch die Polen nicht minder als durch die Italiener, über ganz Europa zu verbreiten für ihre Pflicht, ihre Aufgabe halten. Wenn auch vorläufig die provisorische Regierung aus Klugheit gegen die fremden Staaten solche Gelüste nicht zu theilen scheint, sondern sich vor der Hand zu befestigen gedenkt und allen den Tausenden von Proletariern Frankreichs nicht nur Arbeit, sondern auch genügenden Unterhalt auf Staatskosten verspricht; so ist es doch leicht begreiflich, daß solche Unternehmungen auf diese Weise unausfuhrbar in einem Staate von über 30 Millionen Menschen sind, und mit der Zeit auch diese Regierung darauf sinnen muß, die aufgeregten Gemüther und Kräfte genügend nach Außen zu beschäftigen und von Innen mehr abzuleiten.
Die Lombardei im Aufstande, sympathisirend mit den Piemontesein und ganz Italien, den bitterlichsten Haß gegen Oestreich, seinen Zwingherrn, und alle Deutschen, aus früheren unklaren historischen Erinnerungen und Unkenntniß der jetzigen Gesinnungen und Bestrebungen der deutschen Nation, im Herzen.
Die Schweiz in gerechtem Selbstgefühl ihren Willen durchgesetzt zu haben; beide werden sich leicht der französischen Bewegung anschließen und Deutschland in Schach zu stellen suchen.
Dänemark hat seine friedlichen Gesinnungen lange zur Schau getragen, lange hat Deutschland auf echt deutsche Weise Protokolle geschrieben und Proteste eingelegt, aber Schleswig-Holstein ist damit noch nicht gerettet. Dänemark hat noch immer den Laufburschen oder Stiefelwichser der Franzosen gemacht. Es wird jetzt nicht aus der Rolle fallen.