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zu wählen. Oder besteht die vielgerühmte Freiheit etwa darin, daß ein sehr kleiner Theil eines Volks der großen Mehrzahl desselben vorschreibt, diese oder jene Staatsver­fassung anzunehmen? Ich hätte gedacht, wenn die Repu­blikaner es redlich meinen, so müssen sie vor allem das Volk fragen, ob es die Republik will. Unterlassen sie solches und versuchen sie ihre politischen Grundsätze dem Volke mit Gewalt aufzudringcn, so erscheinen die angeblichen Freiheils­männer als Despoten, und wenn wir der Despotie durch­aus verfallen sollen, so wollen wir uns doch lieber Einen als ein paar hundert Despoten gefallen lassen.

Und welche unabwendbare Folgen müssen sich ergeben, wenn eine kleine Zahl von Männern die Republik in Deutsch­land um jeden Preis durchsetzen wollte? In Oestreich, Preußen, Baiern, Hannover, Kurhessen, Mecklenburg, Oldenburg re. sind wenigstens nenn Zehntel des Volks kon­stitutionell-monarchisch gesinnt, wie ich durch die sorgfältig­sten Nachfragen erfahren habe, und in den andern deutschen Staaten hat diese Gesinnung gleichfalls die entschiedene Majorität für sich, weun auch nicht in so großem Maaß- stabe, als in den erstgenannten Staaten. Wird wohl die große Mehrzahl des deutschen Volks sich von einer sehr schwachen Minderzahl Gesetze vorschreiben lassen? Gewiß nicht! Ein solches Streben der Minderzahl müßte sohin nothwendig zum Bürgerkrieg führen. Wir hätten demnach neben einem erbaulichen Muster von Freiheit ein noch erbauliche­res von deutscher Einheit. Während endlich nach langen schmachvollen Jahren ein Gefühl von Nationalkraft und Nationalehre in unserem Volk erwacht ist, während die Einheit aller deutschen Volksstämme mehr als je nöthig ist, um uns gegen Zerstücklung und Entebrung zu schützen, während England sich anmaßt, über deutsche Länder zu verfügen und Rußland seine Heere an unsern Grenzen auf- stellt, während in Frankreich eine improvisirte Regierung von den Massen geschoben wird, die ihrerseits durch einen traditionellen Ehrgeiz an den Rhein getrieben werden, wäh­rend Oestreich durch den unvermeidlichen Verlust von Ita­lien geschwächt ist und die polnischen Provinzen dem Pan- slavismus zu verfallen drohen, während die traurige Lage unserer Industrie und die Noth unserer Arbeiter gebieterisch fordern, daß wir uns in den Donaufürstenthümern Kolonien erobern, während alles zur innigsten Einigkeit aller Deut­schen dringend mahnt, will eine kleine Partei zum Bürgerkriege und zu einem Kampfe provociren, in welchem ein Sieg nur eine Niederlage ihrer Ehre wäre.

Aber es braucht gar nicht zum wirklichen Kampf zu kommen, schon die Entzweiung der Parteien ist für Deutsch­land ein großes Unglück. Es gibt Leute, welche das Wohl der Arbeiter immer im Munde führen, aber zu gleicher Zeit alles thun, um dieses Wohl unmöglich zu machen. Wir können der arbeitenden Klasse nicht durch Almosen helfen, und die besseren unter ihnen würden eine solche Hülfe sogar zurückweisen; wir können ihnen nur dadurch auf die Dauer helfen, daß wir ihnen Arbeit verschaffen, daß wir ihre Arbeit entsprechend bezahlen, daß wir ihnen wohlfeilere Lebensmittel liefern, daß wir sie in Krankheits­und sonstigen Unglücksfällen unterstützen. Dieses alles ver­mögen wir aber nur dann, wenn die Ordnung gesichert, das Vertrauen hergestellt, der Verkehr blühend ist. Ordnung, Vertrauen, Verkehr und Beschäftigung stehen mit einander in so inniger Verbindung, daß ohne Ordnung kein Ver­

trauen, ohne Vertrauen kein Verkehr, ohne Verkehr keine Beschäftigung denkbar ist. Für die Wahrheit dieser Behaup­tung zeugt die Geschichte des Tags. Die Ordnung ist erschüttert, das Vertrauen ist gewichen, der Verkehr liegt jetzt ganz darnieder, alle Gewerbe stocken, und Tausende von Arbeitern sind bereits brodlos. Wie soll das enden? Hätte die Versammlung in Frankfurt eine sichere Aussicht auf eine baldige und friedliche Lösung unserer politischen und socialen Fragen geboten, so wäre den Arbeitern ein größerer Dienst geleistet worden, als ihnen je durch alle Deklamationen über die Beglückung des Volks geboten werden kann: das Vertrauen wäre zurückgekehrt, in Folge dessen hätte sich der Absatz aller Producte gesteigert und die Arbeiter hätten Beschäftigung gefunden. Von allem dem ist jetzt das Gegentheil der Fall: Fabrikbesitzer, Handwerks­meister und Arbeiter befinden sich in gleich trauriger Lage; die Arbeit fehlt, es bricht ein Bankerot um den andern aus, die Betriebskapitale verschwinden und Arbeitslosigkeit und Noth wachsen von Tag zu Tag. Wenn dieser Zu­stand nur noch zwei Monate andauert, so ist die Auflösung aller bürgerlichen Ordnung unvermeidlich, es entsteht ein Krieg Aller gegen Alle, und unser schönes Deutschland wird eine Räuber- und Mörderhöhle. Wehe denen, welche dazu mitwirken, um einen solchen Zustand zu unterhalten: die Arbeiter werden über kurz und lang zur Einsicht kommen und ihre falschen Freunde zu schwerer Verantwortung ziehen.

Es ist aber nicht genug, daß wir den Stand der Dinge richtig erkennen, wir müssen auch die Mittel suchen, wie eine Besserung unserer Verhältnisse herbeigeführt, wie die Freiheit, die Ordnung und der materielle Wohlstand des Volks erzielt werden könne. Dazu bietet sich uns, abge­sehen von lokalen Bestrebungen, das demnächst zusammen­tretende deutsche Parlament dar. Das deutsche Parlament kann aber billigen Erwartungen nur dann entsprechen, wenn dasselbe aus einer guten Wahl hervorgeht. Eine Wahl nenne ich aber nur dann gut, wenn die Gewählten nicht nur einen redlichen und festen Willen, sondern auch die für ihre große Aufgabe -irRhigen Fähigkeiten und Kenntnisse mitbringen. Mit der guten Gesinnung allein kann man wohl ein recht achtenswerther Privatmann, aber kein tüch­tiger Volksvertreter senn; die gute Gesinnung ohne das entsprechende Talent kann sogar im Rathe des Volks un­berechenbares Unheil stiften Es giebt sogenannte Volks­vertreter, deren ganzes Wissen und Können aus einigen Worten besteht/ als da sind: Menschenrechte, Freiheit, Beglückung der Arbeiter, Sorge für unsere leidenden Brü­der, Fürstentrug, Republik, gleiche Berechtigung, Theilung der Arbeit re. Diese Worte werden zusammengewürfelt, zu Phrasen aufgeblasen und das Ganze heißt dann eine patrio­tische Rede. Untersucht Ihr aber ein solches rednerisches Schaustück, und forscht Ihr in demselben nach den Mitteln und Wegen, wie sich die Engländer ausdrücken, so werdet Ihr kaum die Mittel und Wege finden, um der arbeiten­den Klasse auch nur einen Bissen Brod zuzuwenden; und wendet Ihr dann dem Redner ein, daß er eigentlich gar nichts gesagt oder ganz unhaltbare Reden vorgetragen, oder sich in Widersprüche verwickelt habe, dann droht Er Euch mit Fäusten, Dreschflegeln oder Heugabeln seiner Arbeiter, oder er läßt sich dann vernehmen wie folgt: »Ich bringe ein Hoch! den Massen, welche von diesem Hause ausgeschlos­sen, aber meines Winks gewärtig sind, um die Grundvesten