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Die freie Presse.

Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.

9t= 18. Sonnabend, den 22. April 18^8.

Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich I Lhlr. I5 Sgr. Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des Jn- und Auslandes. Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.

Die deutsche konstituirende National­versammlung.

Die Wahlen zur konstituirenden Nationalversammlung der Deutschen sind nun bei uns vorüber. Was soll kon- stituirt, was begründet werden? Wir antworten hierauf ganz einfach: wir wollen auch nicht einen Pfennig mehr, als was schon längst zwischen den Fürsten Deutschlands und der deutschen Nation abgemachte Sache war, und wobei nur das eine in Betracht kommt, daß die Fürsten ihr Wort nicht gehalten haben; die berühmte Proklamation von Kalisch in ihrer Aufforderung an alle Deutschen: zu kämpfen für diese so feierlich der Nation verheißene »Wie­derherstellung deutscher Freiheit und Unabhängigkeit und eines ehrwürdigen Reiches aus dem ureigenen Geiste des deutschen Volkes«, in ihrer Bedrohung der sich nicht anschließenden Fürsten »durch die Kraft der öffent­lichen Stimme und die Macht gerechter Waffen« ; so auch die Bestätigung der preußischen Bevollmächtig­ten auf dem Wiener Kongreß, der sich fast alle Re­gierungen wörtlich anschlossen und welche dahin lautet: »die Unterzeichneten können sich schmeicheln, daß auch der kais. östreichische Hof die Ansicht theilt, daß die Errichtung ei­ner deutschen Verfassung, nicht blos in Absicht auf die Verhältnisse der Höfe, sondern eben so sehr zur Befriedi­gung der gerechten Ansprüche der Nation nothwendig sei, die in Erinnerung an die alte, nur durch die unglücklich­sten Verhältnisse untergegangene Reichsverfassung von dem Gefühl durchdrungen ist, daß ihre Sicherheit, ihr Wohl­stand und das Fortblühen echt vaterländischer Bildung größtentheils von ihrer Vereinigung in einen festen Staats­körper abhängt, die nicht in einzelne Theile zerfallen will.«

Und so war es und so ist es. Nie kann, nie wird eine nicht ganz schmachvolle Nation sich selbst aufgeben, sich als rechtlos, sich als Sache behandeln lassen, nie ein nicht ganz in die unwürdigste Gemeinheit versunkenes Glied derselben sie preiß geben oder durch Mitwirkung zur Ver­nichtung seines eigenen Volkes seinen heiligsten irdischen Pflichten und Rechten entsagen, das schändlichste aller Verbrechen begehen. Jetzt stehen wir nun auf dem Punkt, die ersten schwersten Schritte für den Wiederaufbau eines deutschen Vaterlandes und seiner Freiheit, also für die Fort­dauer einer seiner würdigen Geschichte zu thun. Wie wech­selvoll, wie mit Verirrungen und Schwächen untermischt

auch unsere vaterländische Geschichte sich darstellen möge, unvertilgbar lebt doch in derselben jene hohe Idee und Be­stimmung unserer Nation, die Bestimmung einer freien, nationalen, deutschen Gestaltung und Fortbildung der Kul­tur des menschlichen Geschlechts inmitten des Vereins freier Brudervölker. Und keiner anderen Nation zurück steht trotz schwer gebüßter Abirrung unsere deutsche in der Ver­wirklichung der gemeinschaftlichen, europäischen Kultur, kei­ner im muthvollen Freiheitskampfe gegen des alten und neuen Roms, gegen Napoleons Welttyrannei. Als ein un­gestörtes Grundgesetz endlich zieht sich durch alle noch so verschiedenen Entwickelungsstufen die altgermanische Nationalfreiheit. Allgemein nennt man die Haupt­entwickelungsperioden, welche allein eine durchgreifend ver­änderte Gestalt, einen verschiedenen Geist unseres deutschen Volkslebens bezeichnen. Dahin zählen wir: Urzeit, Kind­heit, Jugend und Mannesalter unserer heutigen Kultur. Die deutsche Nationalfreiheit wurde nur vorübergehend und faktisch in den Anfängen unseres neuen Kulturlebens durch unvermeidliche, jetzt verschwundene Entwickelungs - und Ue- bergangèzustände, durch sinnlich faustrechtliche Verhältnisse zurückgedrängt oder in neue Formen gekleidet, niemals aber zerstört oder rechtlich aufgegeben. Die Freiheitsgrund­sätze behaupteten zu jeder Zeit ihre historische Existenz. Es ist ja gerade die unüberwindliche Lebenskraft dieser germa­nischen Freihcitsgrundsätze, welche in Verbindung mit der ganzen höheren europäischen Kultur endlich bei gereifter Kraft der letzteren auch bei uns, und noch vollständiger bereits bei unsern meisten europäischen Brudervölkern, jene feudalen und theokratischen Verhältnisse ausgestoßen hat.

Dem Kindesalter und der Bevormundung sind wir entwachsen. Als Vorbild der irdischen, rechtlichen und po­litischen Grundformen des Lebens gelten uns jetzt nicht etwa jene Einrichtungen und Grundsätze des classischen Al­terthums, welche, wie die kastenmäßigen, politischen Vor­rechte abgeschafft werden müssen. Wir suchen auch nicht mehr die echt deutschen Grundsätze, für unsere nationale, selbstständige Gestaltung in jenem despotischen, anarchischen Faustrecht und kastenmäßigen Feudalismus, welche unsere altdeutsche Freiheit unterdrückten und uns zuletzt in unbe­schränkte Fürsten - und Höflings-Herrschaft und in Schmach und Elend stürzten. Nein, wir suchen sie in jenen echt deutschen Freiheitsgrundsätzen, welche vor allen Völkern die freien Briten sich zu bewahren wußten, durch welche sie und nach ihrem glorreichen Vorbilde bereits die große