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Die freie Presse.

Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.

91= 17. Donnerstag, den 20. April 1818.

Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des Jn- und Auslandes. Bekanntmachungen die Zeile 1 Sgr.

I

Auch Hr Winkelblech steht unter dem Schutz des tz. 39 der Verfassungs - Urkunde.

Der §. 39. unserer Verfassung lautet: »Niemand kann wegen der freien Aeußerung bloßer Meinungen zur Ver­antwortung gezogen werden, der Fall eines Vergehens oder einer Rechtsverletzung ausgenommen. « Das ist verfas­sungsmäßige Bestimmung, das ist ein Grundsatz, den wir aufrecht erhalten wissen wollen, nach Unten und nach Oben. Es hat sich aber in diesen Tagen ein Ereigniß zugetragen, wo das nicht geschehen ist, wo einem Manne eine Katzen­musik gebracht wurde, weil, unseres Wissens, ihm bis jetzt nichts zur Last fällt, als eine unverholene »Meinungs­äußerung«, und die wollen wir geehrt wissen, sie mag vor­kommen , wo sie will. Dafür haben wir wieder den Aus­tausch der Ideen, der Berathung und Belehrung. Aber nun und nimmer mehr werden wir es zugeben, daß statt der Antwort im Wege des Worts eine solche öffentliche Demonstration statt findet. Wir sind mit Hrn. Professor Winkelblech nicht in allen, ja nicht einmal in vielen Stücken, einerlei Meinung, und würden auch, wenn nicht Zeit und Umstände so furchtbar auf uns andrängten, dies schon zu beweisen gesucht haben; aber laßt den Mann geben, er hat sein Gutes, ja er hat schon Gutes dadurch gestiftet, daß er Ideen angeregt hat, von denen hier kaum eine Ahnling bestand. Er hat bereits Fragen zur Erörterung gebracht, von deren Existenz man in der Masse des Volkes bei uns gar nichts wußte. Daß hiermit auch eine groß­artige Jdeenverwirrung statt gefunden, läßt sich auch nicht verleugnen, diese schreiben wir aber mehr der deutschen Stubengelehrtheit und Eitelkeit zu, die sich niemals ihr Publikum vergegenwärtigt, sondern einzig und allein daran denkt: was werden die Leute sagen? Bestimmt, der X. P. ist ein gescheuter Kerl, ein grundgelehrtes Haus. Wa­rum? weil sie ihn nicht verstanden, weil nicht jeder sich gleich die fremden technischen Begriffsbestimmungen auf­schreiben kann, und nimmt er sie wirklich im Gedächtniß mit fort, doch wieder weder ein Fremdwörterbuch zu Hause hat, noch den genauen Zusammenhang mehr weiß und hieraus eine wahrhaft babilonische Sprachverwirrung ent­steht. Aber Alles das zusammengenommen begründet kein Recht, einen Angriff auf die freie Meinungsäußerung zu ge­statten. Auch wir nahmen die bisher für uns in Anspruch, und dann möchten wir doch am Ende lieber unter einem Despoten, als unter so und so viel stehen, wo jedes Wort

abgewogen und durch öffentliche und geheime Polizeiagen­ten weiter geschleppt wird. Wo soll das hinführen? Und nun das umgekehrte Verhältniß. Der Despot nimmt noch den Schein des Gesetzes für sich in Anspruch, er läßt erst die Sache untersuchen und nachher ein Urtheil fallen und executiren; aber hier findet erst die Erecution statt und nachher die Beurtheilung der Frage. Bedenket doch, wo das hinführen soll. 3u weiter nichts, als den Finsterlin­gen und Reactionsmännern in die Hände zu arbeiten. Die Katzenmusiken, die schöne Erfindung zum Beweis der öffentlichen Meinung, die müssen heilig gehalten und nicht abgenutzt werden. Sie gehören dahin, wo Thaten vor­liegen , die sich mit der öffentlichen Richtung der Gegen­wart nicht vertragen. Dem Wort das Wort, der That die That entgegen. Was soll daraus zuletzt werden? In seinen Consequenzen giebts ein zweifelhafterer Zustand, als alle Censur nur mit sich bringen konnte, und eine jede freie Meinung wird untergraben oder unterdrückt, und wo das hinführt, das haben wir doch wohl in 17 langen Jah­ren empfunden. Und dazu sollten wir stillschweigen? Da­gegen sollten wir unsere Stimme nicht erheben, nicht einen jeden rechtlich denkenden Bürger auffordern, mit uns einem solchen Streben entgegen zu wirken? Würden wir das thun, so hätten wir unsere Stellung gänzlich mißkannt und ver­kannt, und noch sitzen wir ruhig auf unserem Platz-, und suchen uns die Dinge klar und deutlich zu machen, um auch von diesem Standpunkt aus zu rathen und zu beleh­ren. Und da ist nun unsere unmaßgebliche Meinung, daß Hr. Winkelblech keine Katzenmusik verdient hat. Er hat seine Ansichten uns vorgetrogen, wir haben sie nicht ge­theilt; nun gut, so hat der Mann gethan, was in seinen Kräften stand und die Absicht, die Tendenz haben wir nicht zu untersuchen. Auch uns hat das Schicksal getroffen, daß wir etwas vortrugen, wo wir nicht die allgemeine Zustimmung erndteten, wo es eine Partei gab, die höchst unzufrieden mit unserem Streben war, die Alles aufbot uns zu unterdrücken und zu verfolgen, heimlich unb öffent­lich, durch That und Wort. Und nun, wo mit Verach­tung auf ein solches System hingewiesen mürbe, sollen wir gar in dieselben Fußtapfen treten? Nimmermehr, das darf, das soll nicht fein. Das Wort muß uns lebendig erhal­ten, es komme woher cs wolle, und nur da, wo die That gegen unsere verfassungsmäßige Errungenschaft auftreten wollte, da wollen wir auch zur That unsere Zuflucht neh­men. Wo das Wort Wort bleibt, wo durch das Wort