Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
9t= 1â. Donnerstag, den 13. April 18^8.
Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen lobt. Postämtern des Im und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.
Die Wahl zum deutschen Parlament.
Eine ernste Stunde naht, sie naht mit Riesenschritten. Eine Stunde, wo eine große Nation aus dem Grabe auferstehen wird, wo sie die Zerrissenheit ablegen und einig, stark und kräftig, den übrigen Völkern der Erde ihr Erwachen verkünden soll. Der Tag bricht heran, wo jeder Bürger sich als deutscher Mann hinstellen soll, um die erste gemeinsame Handlung für das große, große deutsche Vaterland zu thun. Männer! deutsche Männer! Zu Euch richten wir unsere Stimme und beschwören Euch bei der Ehre der großen deutschen Nation und bei der Gesinnung, die jeder Biedermann im Herzen tragen muß, für Gott, Freiheit und Vaterland zu streiten, als einig, fest und vertrauend da zu stehen an dem großen Wahltag. Mitbürger! bedenket, daß es jetzt heißt in Urwahlen wählen, daß es heißt, einem Jeden ist das Recht verliehen, an der großen Wahl Theil zu nehmen, sich und seine Gesinnung vertreten zu sehen. Jetzt kann es sich um eine Stimme handeln; jetzt kann der Zeitpunkt kommen, wo eine einzige Stimme entscheiden kann. Jetzt gilt es die Gleichgültigkeit, die Selbstsucht und den Eigendünkel abzulegen und offen und frei Antheil an dem großen Werke ^u nehmen. Mitbürger! bedenket um Gotteswillen, was es heißt, eine Stimme kann den Ausschlag geben, ob so oder so entschieden wird. Bedenket, daß es gilt ein einiges großes Vaterland auferstehen zu sehen, aber im Geiste und der Wirklichkeit. Mancher schöne Tratim ist dafür geträumt, mancher Biedermann hat dafür gelitten und geblutet und nun, da du heranbrichst, Lag der Freiheit, laß deine Sonne friedlich leuchten. Laß uns würdig erscheinen, einen solchen Tag erlebt zu haben. Großer Gott, der du die Schicksale der Völker lenkest, der du der Gott der Nationen von Anbeginn warst und sein wirst, segne diesen Tag, damit er ein Tag der Freiheit, ein Tag der Eintracht, ein Tag des Ruhmes, ein Tag werde, wo der Frieden in die Gemüther einzieht!! —
Deutsche Männer! so rufen wir Euch zu. Denn nicht der Hesse soll wählen für seine hessischen Sonderinteressen, sondern der Mann soll wählen, darum weil er ein Deutscher ist. Weil er deutscher Staatsbürger ist. Machen wir uns deshalb die Sache klar. Am 1. Mai d. I. soll eine Nationalversammlung der Deutschen in Frankfurt zusammentreten, um über die künftige Verfassung Deutsch
lands zu berathen. Es ist das deshalb eine konstituirende, d. h. begründende Versammlung.
Die Wahl ist also die wichtigste die je wieder vorkommen kann. Deshalb muß jeder Mann an seinem Platze sein. Auch handelt es sich nicht darum, daß es gleichgiltig ist wen einer wählt. Wir haben eben schon angedeutet, daß eine Stimme entscheiden kann. Es ist deshalb aber auch erforderlich, daß man die Wahl nur auf solche Männer leitet, die entweder das Vertrauen durch öffentliches Handeln bereits besitzen, oder die erst offen und unumwun- den ihr politisches Glaubensbekenntnis ablegen müssen. Man muß dadurch im Voraus schon in den Stand gesetzt werden können, zu sehen, welche Partei in der Wahl gesiegt und welche unterlegen ist. Wir unserer Seits nehmen dermalen auch Partei und haben immer Partei genommen. Wir zählen uns zur konstitutionell repräsentativen Partei, d. h. die, welche die Herrschaft des Gesammtwillens und die volle Rechtsgleichheit unter den Staatsangehörigen will; vertreten durch eine natürliche und lautere Volksrepräsentation, welche die Abirrungen des Regierungswillens von dem wahren Gesammtwillen durch ihre rechtskräftige Einsprache, oder durch das Recht der Theilnahme an der Beschlußfassung zu heilen oder zu verhüten hat. Wir sagen mit inniger Ueberzeugung, das konstitutionelle System in seiner Reinheit aufgefaßt und mit Treue befolgt, ist dem Throne wie den Völkern das sicherste, nach der heutigen Weltlage vielleicht das einzige Mittel des Heils. England zeigt uns, daß ein konstitutioneller König gegenüber einer starken Volksvertretung, gleichwohl angethan mit Glanz und Majestät heilig und unverletzlich und allen Stürmen persönlich unerreichbar, und daß eine gute Volksvertretung auch gegenüber der freigebigst ausgcmcsscnen königlichen Prärogative, ihre das Volksrecht und das Gemeinwohl wahrende Stellung behaupten können. Unwahr ist es daher, daß von zwei nebeneinander stehenden Gewalten, die eine die andere zu betrügen und zu überlisten trachten müsse. Wahr ist nur, daß der konstitutionelle Fürst, sich in der Nothwendigkeit sehen wird, dem beharrlichen Verlangen der Nation, d. h. der unter den wahlberechtigten Bürgern vorherrschenden öffentlichen Meinung, sich endlich zu fügen. Nur dann liegt Unheil darin, wenn die Volksrepräsentation aus Männern ohne Bürgschaft und politische Bildung oder auch aus leidenschaftlichen Parteimenschen zusammengesetzt wird, oder wenn durch offene oder bcimliche Anfeindung des Systems selbst, Seitens der Machthaber statt