Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
91= 11 Donnerstag, den 6. April 18418*
Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des Jn- und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile 1 Sgr.
Einem Jeden das Seine.
Die letztverflossenen Jahre waren Zeiten der Prüfung, Zeiten des Hoffens und Harrens zu einer besseren Zukunft für alle Klassen der Staatsgesellschaft; aber sie waren nothwendig für uns und — unsere bisherige Gesetzgebung; denn, wer sollte es verkennen, daß gerade die, welche einem verderbteren, einem rechtsloseren Staatszustande seit Jahren schon mit aller Macht und allen Mitteln eines Machiavellismus entgegenarbeiteten, nach Gottes unabänderlichem Rathschlusse nur das Gegentheil ihres düstern, unheilvollen Strebens am Ende ihrer irdischen und staatlichen Laufbahn erblickten. Wer möchte es verkennen, daß die geheimen und öffentlichen Angriffe gegen Gesetz und Recht endlich gar dazu dienten, um die schadhaften Stellen der Verfassung und der daraus entsprungenen Gesetze allen und selbst in den Augen derjenigen klar zu stellen, welche mit Seherblicken nicht behaftet waren. Diese Wahrheit liegt unumwunden zu Tage, eine solche Vergangenheit war nothwendig, um das Gesetz, unser Grundgesetz, unsre theurè Verfassung zum Frommen eines Fürsten, zum Nutz und Wohl des Volkes — nunmehr gesichert und gewahrt ins Leben zu führen. Heißt es nicht irgendwo: »Prüfet Alles und das Beste behaltet«; auch die verstrichenen Jahre haben ihr Gutes, auch diese ihre Wahrheit. Sie werde enthüllt, ihr Schleier ganz zerrissen. Forschet und sehet, Männer der Wahrheit, wo Unsicherheit und Rechtlosigkeit im Gesetze, in den Staatseinrichtungen liegt; bauet fest, bauet sicher, nehmt treue Meister, treue Arbeiter, die im Feuer der Prüfung bewährt gefunden worden, zu unverfälschtem Lohne dienen; reicher, Brüder der Christenheit, ihnen, den Vorkämpfern einer bessern, höhern, hocherfreulichern Zukunft treu und bieder die Hände, öffnet den Mund alle, wer zur Steuer der Wahrheit etwas, wenn es auch nur ein Scherflein wäre, beitragen kann. — Laßt uns daher einmal einen freien Blick in den modernden Leib des verblichenen Ministeriums und dessen schwarze Glieder thun.
Würde wohl der Mißmuth und die Unzufriedenheit mit den Maßnahmen und Verfügungen desselben einen so hohen Grad erreicht, ja, würde nicht vielleicht Alles schon früher eine andere, eine erfreulich lebendige Richtung im Staate genommen und gewonnen haben, wenn Seitens der sogenannten Oberbehörden überall, wo eine gesetz- oder menschenrechtswidrige Handlung oder ein dahin zielendes
Verfahren geheim oder öffentlich geboten wurde, sofort Protest dagegen eingelegt, öffentlich und feierlich sich dagegen verwahrt worden wäre? Fühlten sich namentlich die Regierungsbehörden zu Marburg und Hanau damals in ihrem Innersten nicht bewogen, gegen jenen, vielbewegten Erlaß, das Begräbniß der Deutschkatholiken, Lichtfreunde rc. auf dem Friedhöfe außerhalb der Reihe der christlich Entschlafenen vornehmen zu lassen, öffentlich im Namen der Christenheit heilige Verwahrung einzulegen. Erinnerten jene Kollegien sich nicht einer höheren Pflicht, daß sie auch einem höheren Richter von allem Thun und Lassen auf Erden Rechenschaft tragen sollten, daß auch auf Erden schon die Nemesis über gekrönte und ungekrönte Häupter einherschreite? Sollte die Geschichte jener Zeiten so ganz vergessen sein, als einst ein Alleinherrscher ohne Gleichen, als der große Friedrich drohte und tobte, die Diener seines höchsten Gerichtshofes zu Berlin zu bestrafen, ihrer Aemter und ihrer Würden zu entsetzen, wenn nicht seinem Befehl von denselben Folge geleistet würde? Wie felsenfest traten diese Diener einem Friedrich dem Großen gegenüber. — Wer von allen braven Deutschen kennt nicht die weltberühmte »Müller Arnold'sche-Sache, wer nicht die Antwort des Bäuerleins auf die Drohung des großen Friedrich, ihm sein Grundeigenthum nöthigenfalls zwangsweise nehmen zu wollen, wenn er es seinem Herrn und König nicht freiwillig abtreten wolle: »Ja, Ew. Majestät!« wenn das Kammergericht zu Berlin nicht wäre«! Dazumal schrieb die Welt 1740 -- 1786, und jüngst noch 1847. — Ja, ganz anders muß es werden, ganz anders, sollen Zeiten erscheinen, in denen Wahrheit, Wahrheit gilt, beim Fürsten wie beim Bauer, in der Hütte wie im Palaste. Schwer und bedenklich, groß und verantwortungsreich für Gegenwart und Zukunft ist die Aufgabe, welche den Männern obliegt, welche Gott berufen hat, segensreichere ehrlichere Zeiten über und um uns heranzurufen. Täusche sich Niemand, das Gift der Demoralisation ist tief, tief gedrungen, und bei keinem Stande tiefer, als beim Beamtenstande; aber auch bei keinem wirkte die Verfuchung lockender, als bei diesem; die Vergangenheit hat es gezeigt, hat es bewiesen, und wie! — Kein Gift ist fluchwürdiger, keines verderbenbringender, keines sicherer im Erfolge, als das geheime; und wer sollte diesen Teufel in Menschengestalt, diesen Götzen der Selbstsucht nicht kennen — die Spionerei, die geheime Angeberei. — Aber, ihr braven Männer, allesammt, die ihr an die Spitze eines neuen,