Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben. -------- 91= N. Sonnabend, den 1. April i S^S*
Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen löbl. Postämtern des In und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile 1 Sgr.
Noch ein kleines Wörtchen zu den Berliner Akten.
Es ist über die erst abscheulichen und denn lächerlichen Berliner Vorgänge schon so viel geschrieben, so viele geharnischte und ungeharnischte Protestationen sind dem Könige von Preußen schon ins Angesicht geworfen worden, daß sich eigentlich zu dieser, in ähnlicher Weise in der Geschichte noch nicht dagewesenen Tragikomödie, wo ein König erst sein »geliebtes« Volk füsiliren läßt, nach 14 oder 18 Stunden standhaft noch nicht nachgeben will, und dann auf einmal,-urplötzlich, feine Gesinnungen so radikal changirt, daß er, wenn er aus die Weise vor noch nicht gar langer Zeit aufgetreten wäre, wie er nach den Metzeleien in seinem »lieben Berlin« umhergeritten ist, als Demagoge beigesteckt worden wäre, daß sich zu alle dem, sagen wir, eigentlich nicht vielmehr sagen läßt. Die Entrüstung des gesummten Deutschlands über diese gräßlichen und dann jämmerlichen Geschichten ist eine allgemeine, tiefe und, wir hoffen es, dauernde; denn das übrige Deutschland wird sich durch die Radoterieen des Königs von Preußen nicht mehr platt schlagen lassen. Am trefflichsten sind dieselben übrigens bis jetzt durch die neue hessische Zeitung in ihrer ganzen Charakterlosigkeit hingestellt worden, indem dieses Blatt vor einigen Tagen in seiner ersten Spalte Auszüge aus der Thronrede des Königs vom 11. April 1847, in der zweiten Spalte aber Phrasen aus feinen neuesten Märzproklamationen gab, eine Zusammenstellung, die das ganze Wortgeklügel so recht in das grellste Licht stellt.
Wir wollen aber hier auf etwas Anderes aufmerksam machen, und möge Deutschland diese Warnung hören und auf seiner Hut sein! Dieser Wechsel in dem Benehmen des Königs von Preußen ist zu plötzlich, die Extreme berühren sich bei demselben zu sehr, als daß wir an die Aufrich- kigkeit desselben glauben könnten. Ein Mann, der vom Anfang seines öffentlichen Lebens an die deutlichsten Beweise gegeben hat, daß er mit ganzer Seele an diesen mittelalterlichen Herscherideen hing, der noch vor nicht einem <3ahre es wagte, seinem vereinigten Landtage — diesem Kinderspielzeuge, das er seinen lieben Preußen, um sie bei guter Laune zu erhalten, in die Hände gab — im Angesichte von ganz Deutschland die Worte vorzudeklamiren: »Keine Macht der Erde wird mich je bewegen,
zwischen »Sott« und mein Volk einen papiernen Vertrag zu setzen«, der darauf in 5 Tagen, und zuletzt 14 Stunden lang seine »lieben Berliner« mit Kartätschen traktirte, der nach dieser Uftünbigen Würgerei noch immer nicht von derselben ablassen wollte — dieser Mann, der nun endlich, gezwungen, die Metzelei einzustellen, da seine Henker ermatteten, nachgab, dieser König will nun plötzlich sein Herz, seine Gesinnung, seinen Charakter, fein ganzes Sein so sehr geändert haben, daß er sich als den glühendsten, enthusiastischesten Anhänger konstitutioneller Volksfreiheit hinstellt?! Ist ein solcher Wechsel natürlich, ist er möglich? Nie, niemals! Nimmermehr werden wir an ihn glauben, und Deutschland möge sich vorsehen, daß es nicht das Opfer dieser Komödie werde. Der König sah ein — denn jesuitische Intelligenz läßt sich ihm nicht absprechen, — daß Alles verloren war, wenn er nicht einlenkte; er gab also für den Augenblick der eisernen Nothwendigkeit nach; aber er behielt sich vor, seine Zeit abzuwarten. In Petersburg hat er ja seinen kaiserlichen Schwager, der — wir wissen es ja alle—fein intimster Freund ist, der ihn sicher nicht in der Patsche stecken lassen wird, wenn nur erst der erste Enthusiasmus verraucht ist. Glaubt cs, Ihr deutschen Brüder, daß nur die Nothwendigkeit und die Hoffnung einer demnächstigen restitutio in integrum durch seinen lieben Schwager Nikolas ihm jene Proklamationen, in denen er, sich an die Spitze Deutschlands zu stellen, uns verspricht, diktirt hat, daß nur diese Hoffnung und die Absicht, Deutschland nochmals Sand in die Augen zu streuen, und es einzulullen, ihn diese Kunstreiterumzüge durch Berlin in schwarz-roth- goldner Schärpe hat machen lassen! —
Wir wollen nicht, daß für Deutschland eine große Zukunft »durch« Preußen anbrech« (Proklamationen vom 18. —19. März); wir wollen nicht, daß der König von Preußen die Leitung Deutschlands für die Tage der Gefahr (wo liegt diese Gefahr??) übernehme (Prokl vom 24. März); wir wollen nicht, daß deutsche Männer sich in Mitte jenes »vereinigten Landtages«, dieser preußischen Volksvcrtrctungspuppe, niedeklässen; denn deutsche Männer können sich in dieser großen Zeit nicht mit Spielzc-ug befassen ; wir wollen alles dieses nicht, das ist alles, wie der König selbst, »unmöglich« geworden!
Drum wache, Deutschland! Habe Aug' und Ohr offen, damit nicht die »beiden Schwäger«, über die östlichen Marken mit Kosaken und Baschkiren hereinbrechen,