Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
91= 8. Donnerstag, den 30. März ^8^8.
Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen lobt Postämtern des Jn- und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile 1 Sgr.
Lasset Cnch nicht bethören!
IV.
Die Verhandlungen unserer Ständeversammlung sind dermalen auf einige Zeit unterbrochen, und das dadurch, weil viele Mitglieder der Kammer nach Frankfurt gereist sind, um den dort zur Sprache kommenden großen, d eutsch-vaterländischen Angelegenheiten beizuwohnen. Da muß der Pcovinziallandtag schweigen. Da wo es deutsche Interessen gilt, müssen die kurhessischen Interessen nachstehen. Wir wissen es recht gut zu schätzen, warum den Bürgern die Zeit lang dauert und daß sie drängen und treiben, daß der Landtag Früchte bringe und sich nicht in müßigen Worten verliere. Aber wir müssen auch bei den großen Tagesfragen ein Wort mitsprechen, ja müssen uns sogar vor allen deutschen Stämmen vorthun, weil wir fünfzehn Jahre lang fast ganz geschwiegen, weil wir uns erst wieder einen Platz erkämpfen müssen in der Reihe der Deutschen. Es handelt sich dermalen aber nicht um blos materielle Interessen, sondern es handelt sich um die höchsten Güter der Erde, es handelt sich darum, daß ein Deutschland erstehe, stark in Freiheit nach Innen und nach Außen. An dieser großen Burg zu bauen, dazu sind auch unsere Deputirte nach Frankfurt gereist. Ueberhaupt aber sollen , in einer Zeit wie^ die gegenwärtige, vorzugsweise die geistigen Interessen gefördert werden. Unser Fürst hat uns Zusagen gemacht, die schon längst uns nicht halten vorenthalten werden dürfen, die uns längst nicht vorent- halten werden konnten, und nur ein so schlechtes, jesuitisches Ministerium, wie wir cs seitdem letzten Dezennium hatten, konnte uns die durch die Verfassung zugesicherten Menschenrechte versagen. Allein, glauben wir ja nicht, daß diese Rechte uns schon gesichert sind. Der Teufel spukt noch immer und lauert auf eine schickliche Gelegenheit, seinen Spuk wieder loszulassen. Deshalb müssen wir auch ein schützendes Obdach haben, wir müssen in einer Gesammtheit wieder aufgehen, wo die Rechte auf den Grundsatz der Gegenseitigkeit garantirt sind.
Es ist zwar einigermaßen verzeihlich, nach einer so gedrückten Zeit, wie wir sie kaum verlebt haben, daß der bisher unterdrückte Gewerbstand seine materiellen Interessen zu schützen bedacht ist, weil eben durch das schlechte System
des früheren Ministeriums ihm geflissentlich Alles versagt wurde, wodurch er zu existiren vermochte. Nur das Recht, Steuern zu zahlen, ließ man ihm unverkürzt. Einen Gebrauch davon zu machen, was die Menschenrechte gewährten, konnte er nur auf dem Wege der Gnade erlangen. Die Interessen der Gewerbtrcibcnden und die der Staatsbürger zu trennen, sie gegenseitig aufzureizen, war eine Hauptstütze des schlechten Systems des früheren Ministeriums. Alle diese rein materiellen Interessen werden sich aber von selbst machen und das in dem einen Worte »Freiheit«, und sodann darin, daß das Ministerium seine Schuldigkeit thut. Ein Ministerium, das volksthümlich ist, das das unzertrennliche Wohl des Landesfürsten und des Vaterlandes redlich beabsichtigt, muß und wird Alles das gewähren, was diese Interessen fördert, ohne daß man es darum bittet. Ein Volk soll um sein gutes Recht nicht bitten, cs soll wachen, daß man ihm dieses nicht nimmt, und die Versprechungen eine Wahrheit werden. In diesem Augenblick etwa gar nur örtliche Interessen verfolgen wollen, hieße die gute Sache verrathen , und dann könnte es leicht wieder dahin kommen, daß man einen Köder vorwürfe, womit man den Gutmüthigen fängt. Wir wollen die Ketten und Banden abstreifen, die den Gewerbstand drückten und eine jede Kleinigkeit ihm als Gnade zukommen ließ. Hört das auf, dann hört auch die Konjugation auf: »ich habe Rücksichten zu nehmen; du hast Rücksichten zu nehmen; er hat Rücksichten zu nehmen; — wir haben Rücksichten zu nehmen; ihr habet Rücksichten zn nehmen; sie haben Rücksichten zu nehmen.« Arbeit für die Masse muß und soll schnell geschaffen werden, und dazu sind Mittel da; man denke an Bahnhof, Landeskreditkasse, Kasernen ic. Aber rasch, schnell, nicht gezaudert! Vorwärts! —
Bürger Hessens! laßt Euch nicht bethören durch falsche Rathschläge, haltet fest und geht unaufhaltsam dem großen Ziele zu, das wir uns gesteckt, als wir an einem großen Tage unsere Wünsche unserem Fürsten vortrugen und die Zusicherung der Gewährung erhielten. Ein Minister, der es wieder wagen würde, auf solche Weise den Gewerbstand zu maltraitiren, wie das früher geschehen, der würde sich, wenn wir unsere vollen freien Institutionen besitzen, nicht zweimal vier und zwanzig Stunden halten können und reif nach Haina erklärt werden. Amen! —