Die freie Presse.
Zeitschrift für Unterhaltung, Staats- und Volksleben.
R- !♦ Dienstag, den 14. März . 18â8.
Der Preis dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes ist halbjährlich 1 Thlr. 15 Sgr. — Man abonnirt bei allen lobt Postämtern des Jn- und Auslandes. — Bekanntmachungen die Zeile I Sgr.
WHs wir wollen! r> 5 ' I.
Ein furchtbarer Orkan stürmt über Europa her und zerstäubt Alles, was nicht festgewurzelt ist wie unsere Eichen. Die ganze Saat der Zwietracht, der Scheinheiligkeit, der Kriecherei,' der Speichelleckerei und der Selbstsucht — wo ist sie geblieben? Wo sind die geblieben, die seit fünfzehn langen Jahren den Fürsten vorgepredigt haben, das Volk sei von Gott geschaffen, um zu beten und zu arbeiten? und als sie später einsahen, daß das auch nicht genüge, daß ein arbenendes Volk, ein Volk was Arbeit, was Nahrung hat, aqd) keinen Knechtsinn bewahren kann, da ward der Satz so umgewandelt: »das Volk bete und lebe von Almosen«. Wahrlich, es sind furchtbare Sünden gut zu machen; es sind Wunden zu heilen, die theils noch offen bluten, theils so vernarbt sind', daß Jahre darüber hingehen werden, ehe sie nur erweicht werden können. Wir fragen: wo sind die geblieben , die auf Stelzen ein- hergingen und dem Volke nur das eine Recht einräumten: die Steuern und Abgaben aufzubringen? Wo sie geblieben sind? sie sind noch da! deshalb rufen wir zur Wachsamkeit auf. Deshalb wollen wir mit der Fackel der Oeffentlich- keit, der freien Presse, wach bleiben und allenthalben hinleuchten, damit wir den Vogel gleich an den Federn erkennen mögen und dann ohne Gnade und Barmherzigkeit ihm das Licht vor die Augen halten; so wird den Nachtvögeln das Reich der Finsterniß angewiesen werden. Absolutismus und Preßfreiheit sind mit einander unverträglich, ohne Preßfreiheit ist eine repräsentative Verfassung nichts als ein leerer Schall. Da wir nun, Gott Lob, endlich in den Besitz derselben gekommen sind, so wollen wir auch unsere Grundsätze unverholen aussprechen, damit man weiß, was wir wollen. Wir wollen das Recht und die Rechtögarantieen, indem wir hierin das constitutionelle Leben erblicken. Wir verlangen dies System seiner selbst, d. h. des öffentlichen Rechts und Wohls willen,
nicht der persönlichen Interessen willen; wir verlangen daß es ganz und rein hergestellt und aufrichtig beobachtet werde. Wir wollen also nichts mehr und nichts weniger: als daß die Verfassung eine Wahrheit werde. Wir verschmähen demnach nicht nur die ihr offen entgegen- tretende Lüge und Gewalt, sondern auch jene sogenannte »richtige Mitte« zwischen Lüge und Wahrheit, Absolutismus und Constitution, Willkürherrschaft und Freiheit, überhaupt Unrecht und Recht. Eben so können wir die unlautern Bekenner dieses Systems nicht gebrauchen, die um deswillen der Fahne folgen, weil sie Vortheil verspricht; die zu ihr schwören aus Spekulation, so wie man gern Staatspapiere und Actien kauft, welche im Steigen begriffen sind oder auf deren Steigen man sich Hoffnung macht. Solche Gesinnnungen können wir nicht brauchen. Das ist die Ra^e von 1830 und 1831, die damals so gut gerathen war. Da wo es damals wimmelte von solchen consti- tutionell Gesinnten, fand man nach den düstern Wolken des Jahres 1832 nur noch kleine Häufchen treuer und offener Bekenner. Eine andere Raee ist die, welche im hoffnungsvollen Jahre 1831 sich aus Servilismus oder Feigheit liberal geberdete. Sie hatte damals den Muth nicht, ihre Gesinnungen dem Freiheitsruf gegenüber auszusprechen. Das sind gerade die, welche uns fünfzehn Jahre lang geknechtet, die mit triumphirenden Antlitz einhergingen und einen jeden Patrioten, der es redlich mit Fürst und Volk meinte, als Revolutionair, als Jakobiner, Palaststürmer rc. verschrieen und direct und indirekt mitgewirkt haben, daß der Despotismus sein Haupt so furchtbar erheben durfte. Hierunter sind gar Siele? die jetzt wieder durch alle Straßen laufen und sich heiser schreien: es lebe die Verfassung! und dabei eine radikale Richtung den wahrhaften Freunden und Anhängern der Verfassung gegenüber bezeugen. Hierunter giebt es wieder eine Abarc die den früheren Abfall recht fertigen oder beschönigen wollen durch den Vorwand klug beobachteter Verstellung wäh- rend'der Zeit des Druckes, in der Absicht oder mit dem geheimen Vorhaben, unter günstigeren Umständen desto