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oder 69 Stimmen zu unterhandeln hatte, so würde es jetzt mit vereinfachter Procedur sechs mittelschlachtige, in sich verwickelte Massen hinter sich Herziehn. Für einen solchen Preis hätte das deutsche Volk ein Jahr lang sich in seinem Innersten bewegt, es hätte seine Wunsche, seine Kräfte, sein Blut verschwendet, um Windischgrätz an Metternichs Stelle zu setzen.
Die kaiserliche Negierung, sagt die Note, ist es sich, ist es Oesterreich und Deutschland schuldig, sich gegen jede Unterordnung des Reiches unter eine andere deutsche Centralgewalt feierlich zu verwahren. Ein einladender Ton der Hingebung und des Gemeinsinns in einem Augenblicke, wo man aufzugehen vorgiebt in der Devise: das ganze Deutschland soll es sein. Richtet schließlich Eure Verfassung ein, wie Ihr wollt, nur keinen Paragraphen, der auf die österreichischen Verhältnisse nicht paßt. Erschafft immerhin eine starke Centralgewalt, nur muthet uns nicht die Unterwerfung zu. Nach des Reiches großen Gesetzen uns zu fügen, fällt uns nicht ein, des Reiches Beherrschung aus der Hand zu geben, davor bewahre uns der Himmel, folglich modelt Euer Deutfch- land in die Form, in der es am bequemsten von uns sich in Besitz nehmen läßt. — Wer sind denn diese Herren, welche solche Vermahnungen Deutschland schuldig zu sein glauben? was sind die Titel zu diesem Hochmuth, den man noch dazu dem deutschen Volke als hochherzigen Patriotismus zu preisen die Stirne hat? Etwa das angestammte Recht der Dynastie Habsburg-Lothringen? — Nun ja, seit Jahrhunderten hat sie das Recht gehabt, zum Fortschritte deutscher Nationalität und Freiheit im Querstand zu stehen — sie hat im 16. Jahrhundert nach Kräften die Reformation bekämpft, sie hat im 18. am längsten an den feudalen Formen des mittelalterlichen Reiches festgehalten, sie hat im 19. am eifrigsten den Absolutismus des 18. zu verewigen gesucht — wir begreifen, daß es ihr schwer wird, der neuen deutschen Einheit gegenüber dieser rückwärts blickenden Rolle zu entsagen. Oder soll die Masse der deutschen Bürger, die sich in diesem Staate vereinigen, jenes unabänderliche Privileg rechtfertigen? Nun dann hätte Baiern beinahe dasselbe Recht, und Preußen wäre doppelt zu diesem kindlichen Rufe befugt: „wenn ich nicht der Erste bin, so mache ich gar nicht mtf." — Sieben Millionen Deutsche sind es, in deren Namen hier, nicht etwa Schutz für die Nationalität oder unauflösliche und enge Befreundung, sondern Verleugnung der tiefsten Bedürfnisse und Wünsche, gefordert wird, welche eine Nation von —dreißig Millionen seit Menschenaltern im Herzen trägt. Sieben Millionen, über weite Länderstrecken zerstreut, mit den buntesten Massen fremder Stämme durchwachsen, in die vielfachste Mannigfaltigkeitsform der Interessen verflochten, zu den verschiedenartigsten Rücksichten und Accommodationen genöthigt — diese wollen nicht Unterstützung durch unsre geeinigte Kraft, sondern Herrschaft über uns durch verewigte Zersplitterung des deutschen Stammes.
Das Gefühl der Entrüstung, welches ein solches Auftreten hervorruft, wird noch gesteigert, wenn man das angebliche Unrecht erwägt, über welches Oesterreich klagen könnte. Die organische Verfassung, welche Oesterreich uns
anempfiehlt, besaßen wir lange in dem Bundestage seligen Gedenkens. Die Erfahrungen dieses Zustandes rissen endlich die unermeßliche Mehrheit des deutschen Volkes in neue Bahnen, und im Namen der Nation erklärte ihr Parlament die Zeit einer engeren Einigung für gekommen. Eine Reichsverfassung in diesem Sinne wird entworfen, ohne daß lange Zeit hindurch ein Einzelstaat sich auch nur die Befugniß beizulegen gewagt hätte, bei der Entwerfung mitzuwirken, oder nach der Vollendung den Eintritt zu verweigern. Fast ein Jahr ist verstrichen, als Oesterreich wieder zum Bewußtsein seiner Kraft und Einheit gelangt, und das Recht der Vereinbarung fordert. Kein Zweifel, daß man es ihm zugesteht, kein Zweifel, daß Niemand einen Zwang versuchen würde, wenn es die neue Verfassung ablehute. Diese Concession ist schon unermeßlich, aber in Oesterreichs Augen wiegt sie nichts. Nochmals kein Zweifel, daß Deutschland wieder einen Schritt thun wird; es bietet Oesterreich für seine Stellung die Fortdauer des alten Staatenbundes, das Aeußerste, wohin noch der Schein eines Rechtsanspruchs herausgesonnen werden kann. Oesterreich soll um keines Haares Breite in seinen Bundesrechten verschlechtert werden, und nur weil Oesterreich selbst nicht will und kann, soll es die Erlaubniß haben, noch nicht auf die Höhe der neuen Verbesserung mit uns binaufzutreten. Wir unsererseits kennen freilich einen Hauptgewinn dieser Verbesserung, eben das Aufhören des diplomatischen Einflusses, durch deu einst Oesterreich seine 4 Stimmen am Bundestage factisch zu 69 erweiterte, und hier ist denn auch der ganze Kern der österreichischen Note, hierin sieht Oesterreich die ärgste Mißhandlung und Rechtsverletzung, und legt Protest gegen den deutschen Bundesstaat ein, weil es neben diesem auf seinen bundesgesetzUchen Einfluß beschränkt wäre.
So steht jetzt die Wahl: entweder der Gagernsche Bundesstaat des übrigen Deutschlands im alten Verbände mit Oesterreich, — oder der alte Verband des Staaten- bundes für ganz Deutschland, mit allen seinen Schäden, seiner deutschen Ohnmacht, seiner österreichischen Machtvollkommenheit. Ein Drittes giebt es nicht. Dies ist jetzt so unwiderleglich klar, daß wir eine patriotisch-ehrliche Opposition gegen das preußische Kaiserthum gar nicht mehr begreifen. Wir würden deshalb für den Ausgang der Frankfurter Debatten wenig in Sorge sein, wäre nicht eine Voraussetzung eben so weit verbreitet, wie deutsche Ehrlichkeit und deutsche Unkenntuiß von österreichischen Verhältnissen, die Meinung nämlich, bei der nationalen Tendenz unseres Zeitalters werde der österreichische Staat sich bald auflosen, und somit binnen kurzer Frist, wenn man nur seine Provinzen nicht ganz draußen lasse, die innere deutsche Einheit zu erreichen sein. Diese Voraussetzung ist für jeden, der die Geschichte und die Structur des österreichischen Staates überblickt, ein leerer Wahn. Aber selbst, wenn sie richtig wäre, würde nur daraus folgen, welche Verkehrtheit es wäre, tie innere deutsche Einheit jetzt den Bedürfnissen des österreichischen Gesammt- staates zu opfern, des Staates, dessen Theile uns bei seiner baldigen Zersetzung von selbst zufliegen müßten.
S.
Herausgegeoon, verlegt und gedruckt von Heinrich Ho top in Caffel.